Im Gespräch mit ...
Werner Jelinek feierte seinen siebzigsten Geburtstag.
Ein Anlaß zu einem Atelierbesuch

von Rüdiger Schneider

Werner Jelinek vor einem Bildausschnitt ‘Juni 37 oder Guernica und ich’

Es war im März 2007 bei einer Ausstellung Werner Jelineks im Malakoffturm. Eine Serie von zehn Bildern fiel mir besonders auf. Sie enthielten ein fotografisches Element, das ich erst beim zweiten oder sogar dritten Hinsehen bemerkte. Geschickt, unauffällig, sie harmonisch integrierend, mit ihr spielend hatte sich die Malerei der Fotografie bemächtigt. Auffallend auch die Akkuratesse bizarrer Formen. Diese Collagen induzierten eine ganze Reihe von Fragen. Über das Verhältnis von Malerei und Fotografie und überhaupt über das Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit. Mehr fotografisch orientiert hatte ich zur abstrakten Malerei bislang einen eher begrenzten Zugang. Daß die Malerei sich überhaupt auf das Gebiet des Abstrakten begeben hatte, sah ich, zugespitzt formuliert, als eine Art Notausgang. Denn was blieb den Malern nach der Entdeckung der Fotografie auch anderes übrig? Alles, was bislang nur sie konnten, war nun in die Hände einer Konkurrenz gelegt, die auch stimmungsmäßig mit Licht und Perspektiven operieren konnte, wie sie wollte. Eine Leichtigkeit wäre es zum Beispiel, durch den Einsatz entsprechender Filter impressionistische Bildeindrücke zu produzieren. Nun begegnete ich hier im Malokoffturm diesem seltsamen Phänomen, dass die Malerei der Fotografie an Ausdrucksmöglichkeit überlegen war. Stimmte diese Aussage? Durfte man die beiden Gebiete überhaupt miteinander vergleichen? War es schon im Ansatz falsch, überhaupt ein konkurrierendes Verhältnis zu vermuten? Auf jeden Fall aber, veranlasst durch diese Ausstellung, öffnete sich die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit.

im Atelier

Werner Jelineks siebzigster Geburtstag war nun ein willkommener Anlaß, darüber - und nicht nur darüber – mehr zu erfahren. Ich durfte ihn in seinem Atelier in Kirchhellen besuchen und etwas von der Entstehungsgeschichte dieser Bilder kennenlernen.

Die Serie von zehn Collagen, Werner Jelineks jüngste Arbeiten, geben Erfahrungen und Erlebnisse einer Frankreichreise wieder, sind eine Mischung aus Erinnerung und Neuentdeckung. Eine Landschaft, eine Höhle, ein Tal, über das sich in großem Bogen eine Autobahnbrücke spannt, werden so unter einem neuen Gesichtspunkt erfahren. Teile von Fotografien werden als Anlässe, Kristallisationspunkte für Bilder zurechtgerissen - der Maler zerreißt die auf dem Foto abgebildete äußere Wirklichkeit, klebt Teile auf, und dann bekommen im Laufe der künstlerischen Arbeit die gemalten und die gerissenen Stellen eine so große Ähnlichkeit, dass sie den Anspruch der Überschneidung von Realitätsebenen erfüllen. Beschränkt sich Fotografie meist auf eine abbildende und dokumentarische Funktion, so ist nun im Zusammenspiel mit der Malerei eine neue Wirklichkeit entstanden, die über das rein Abbildende hinaus innere Erfahrungen widerspiegeln kann. Bestätigung und zugleich Kompliment für das Gelingen dieser Komposition ist die Aussage von Bekannten Werner Jelineks, die zu Bildern der Frankreichserie feststellen: „Genau lokalisieren können wir das nicht, aber die Atmosphäre stimmt.“ Gemeint ist der Besuch einer weiten Höhlenlandschaft in den Cevennen.

Impuls für diese Collage: Besuch einer Höhle in den Cevennen

In diesen Collagen spielt die Malerei also mit Bildelementen der Fotografie, benutzt sie für eine neue Wirksamkeit. Umgekehrt ist der Weg nicht denkbar. Könnte sich ein Fotograf ein gemaltes Bild zurechtreißen und es in eine Fotografie einbauen? Kaum. Gelänge es, so hätte er oder sie keine Fotografie mehr. Sein Spiel mit der Fotografie nennt Werner Jelinek einmal ‚fröhliche Naivität des Alters’. Aber ist das ganz ernst gemeint? Könnte es nicht auch heißen ‚fröhliche Weisheit des Alters’? Auf jeden Fall war hier die Malerei fähig, mit der Fotografie zu spielen, neue Wirklichkeiten zu komponieren, erfahrbar oder zumindest erahnbar zu machen.

Was die Fotografie scheinbar überlegen macht, nämlich Dinge genau abbilden zu können, kann die Malerei sogar so weit treiben, dass sie durch hypergenaues Nachzeichnen Eigenschaften entlarvt. Werner Jelinek nennt als Beispiel hierfür die Kunst Konrad Klaphecks. Der gab technische Dinge so wieder, dass sie einem als entblößte Technik isoliert gegenüberstanden und damit ihre diabolische Seite offenbarten - diabolisch’ im ursprünglich wörtlichen Sinne gemeint als ein Auseinanderfallen, eine Trennung von Mensch und Technik.

Die Frankreichserie, diese zehn Collagen, die mit fotografischen Bausteinen so spielerisch umgehen, diese Serie schafft es, eine Innenwelt zu öffnen, die dem reinen Fotografieren unmöglich gewesen wäre. Mit Innenwelt ist hier gemeint, was der Künstler selbst gesehen, erfahren, wie er es erfahren hat. Es geht um eine innere Befindlichkeit, die hervorgerufen wird durch Reise- und Naturerlebnisse. Und es ist nicht nur die Natur im Spiel, sondern auch ihr Gegenpart, die Technik, wie zum Beispiel bei dem Autoviadukt, das mit kühner Höhe ein ganzes Tal überspannt. Es geht um Erinnerung, Verarbeitung, Neuentdeckung. Es geht auch um einen Widerspruch zur Vergänglichkeit. Die Reise und das Gesehene sind nicht einfach nur gewesen. Sie leben fort, sie wirken fort, sie erarbeiten sich eine neue, veränderte Wirklichkeit, sind mehr als nur Erinnerungen, erobern sich in der visuellen Darstellung eine neue Ebene.

Werner Jelinek arbeitet diese neue Ebene nicht nur spielerisch heraus, sondern auch mit akribischer Sorgfalt. Erst eine Serie von Bildern, wobei das zweite Bild die Antwort auf das erste ist und auch alle Bilder untereinander in einem dialogischen Zusammenhang stehen, mag diesem Anspruch genügen. Er denkt in Themen, und ein Bild ist für ein Thema nicht genug. So entstehen Serien. Und bevor überhaupt ein Bild standhält und dem Anspruch genügt, fertig zu sein, durchläuft es eine Art ‚Überlebensprogramm’. Aus dem Atelier schafft er es ins Wohnzimmer und hier hat es dem täglichen und kritischen Blick standzuhalten. Erst dann kann es vielleicht auf einer Ausstellung präsentiert werden. Und gut möglich, dass ein ganzes Jahr darüber vergeht.

Kunst also als wirklichkeitsverändernder Prozeß. Das ist durch die Frankreichserie geschehen. Für Werner Jelinek macht sie seine Reise neu erfahrbar, anders erfahrbar, lässt sie fortwirken, nachklingen, bleibende Gestalt gewinnen. Dem Betrachter kann sie solche Erfahrungen anschaulich machen, zumindest eine Ahnung davon vermitteln.

Da neue Ebenen, die durch Kunst in einem umfassenderen Sinne entstehen, auch mit Literatur zu tun haben, hatte ich ein Zitat des Duisburger Schriftstellers Nicolas Born mitgebracht. Der Zufall hatte es mir ausgerechnet an diesem Tag in die Hand gespielt. Es lautet: „Das Wahnsystem Realität muß um seinen Alleinvertretungsanspruch gebracht werden. Jeder ist eine gefährliche Utopie, wenn er seine Wünsche, Sehnsüchte und auch Schmerzen wieder entdeckt unter dem eingepaukten Wirklichkeitskatalog.“

Mit den Bildern der Frankreichserie – und natürlich nicht nur mit ihnen –hatte Werner Jelinek das Wahnsystem fotografischer Abbildung zu Fall gebracht. Er hat neue Wirklichkeiten eröffnet, sie geschaffen. Dies auch mit einer bezaubernden Anmut. Ich denke da an ein ‚Höhlenbild’, das in seiner Farbigkeit und filigranen Technik an japanische Tuschezeichnungen erinnert und das die fotografischen, zurechtgerissenen Bestandteile so integriert, dass sie erst entdeckt werden müssen.

Werner Jelinek sagt, er arbeite langsam. Aber das kann nur heißen, er lässt sich Zeit für das genaue Überlegen, Hinschauen und Überarbeiten. Anders ist die Akkuratesse der bizarren und scheinbar zerrissenen Formen nicht erklärbar. Blau und Grau und natürlich Weiß waren lange Zeit die bevorzugten Farben. In der Serie der Frankreichbilder sind neue Farbbewegungen hinzugekommen. Gerade auch bei dem ‚Höhlenbild’ wird dies deutlich.

Frankreichserie – Spiel mit der Wirklichkeit? Ja. Das ist ein Element dieses Arbeitszeitraums. Aber der Begriff ‚Wirklichkeit’ hat noch eine andere Dimension als die des Spiels und der Veränderung. Bei anderen Arbeiten, soweit mir der Einblick an dem kurzen Nachmittag vergönnt ist, geht es darum, Wirklichkeit tiefer zu erfassen, den Vorstoß in die Tiefe der Dinge zu wagen. Exemplarisch hierfür scheinen mir die Kreuzigungsbilder zu sein, die für eine Aktion des Künstlerbundes Bottrop geschaffen wurden. Die Aktion ‚Kunst-Raum-Kirche’ sollte 1991 in Bottroper Kirchen ‚neue Sichtweisen auf Gewohntes und scheinbar Vertrautes ermöglichen’ (Zitat aus dem Vorwort von Ulrich Schulte, Pfarrer, Martinskirche Bottrop). Werner Jelineks Thema in der Pauluskirche Kirchhellen war: ‚Hommage à Rembrandt’. Zwei Kreuzigungsbilder entstanden. Diese Bilder müssen eine besondere Wirksamkeit entfaltet haben. Jedenfalls schreibt der Pfarrer der Pauluskirche, Heinz-Jörg Rudnick: ‚ein Pinselstrich erhellte mir mehr als viele Worte. Die Bilder lehrten mich die Kreuzestheologie genauer zu sehen und damit neue Gedanken zu finden.’ Werner Jelinek erzählt, wie der Pfarrer während der Entstehung der Bilder einige Male kam und darum bat, einen Blick auf das Fortschreiten des Werkes werfen zu dürfen. Auch das ist wiederum eine Bestätigung und ein schönes Kompliment für Werner Jelineks Kunst, neue Wirklichkeiten oder auch Wirksamkeiten zu schaffen. Dieses Mal nicht über ein spielerisches Element, sondern über das Ringen mit einem Thema und einer die Tiefe suchenden Gestaltung. Und bei den beiden Bildern der ‚Hommage à Rembrandt’ treffe ich auch auf Werke des Malers, die den Raum abstrakter Darstellung verlassen und konkretes Geschehen konkret sichtbar machen.

“Juni ‘37 oder Guernica und ich I”, 1999, Öl, Leinwand, 140 x 120
(Abbildung aus dem Ausstellungskatalog ‘Zeitpunkte’
des Künstlerbundes Bottrop)

Möglicherweise klingt 1991 mit diesen beiden Bildern schon ein Thema an, das später, 1999, in den drei Guernicabildern ‚Juni 37 oder Guernica und ich’ wieder aufgegriffen wird. Das Leiden an einem tödlichen, sinnlosen Geschehen. Über Picassos ‚Guernica’ sagt Werner Jelinek, dieses Bild habe ihn schon als Schüler beeinflusst und zu der Erkenntnis geführt, ein schlimmes Ereignis könne auch mit ästhetischen Mitteln gestaltet werden.

Natürlich gibt es an diesem Nachmittag auch Anekdotenhaftes im Umfeld der Kunst zu erzählen. Sehr gut in Erinnerung geblieben ist mir die Beschreibung von Werner Jelineks Lehrer Professor Grote an der Kunstakademie in Düsseldorf. Beredt war er nicht, ein eher schweigsamer Typ mit einer möglicherweise geheimen Sympathie für Trappisten-Mönche, die nicht nur wenige Worte, sondern überhaupt keine verlieren. Aber er hatte eine wunderbare Art, einem etwas zu sagen. Er näherte sich der Staffelei, blieb vor dem Werk stehen, betrachtete es und dann begann seine Hand, begannen seine Finger genau dort zu kreisen, wo etwas nicht in Ordnung war. In aller Regel war es die Stelle, die man selbst für die beste hielt und bei der man sich in einer Art Selbstverliebtheit verfangen hatte. Solches sah der Meisterblick, darauf wies die Hand hin und fast immer hatte sie recht.

‘Unterirdische Fabrik’

Oder aber – und nun zurück zu jener einleitend erwähnten Ausstellung im Malakoffturm: Da provoziert ein Bild einen Betrachter zu einer Äußerung, von der Werner Jelinek bis heute nicht weiß, ob sie ernst gemeint ist, eine himmelschreiende Naivität der Kunst gegenüber offenbart oder aber durchtriebene Ironie ist mit einem Schuß Schabernack. Zu dem Bild muß man wissen, dass Werner Jelinek einst ein Technikbuch, das im Zuge einer Entrümpelung dem Papierwolf zugedacht war, in die Hände fiel. Er hat Seiten herausgetrennt, abgebildete Maschinenteile zurechtgerissen, aufgeklebt und in bekannter Technik ‚ummalt’. So entstand das Bild ‚unterirdische Fabrik’. Der Betrachter, der im Malakoffturm davorstand und von Berufs wegen Ingenieur war, kam nach langem Sinnierem zu dem Ergebnis: „Das funktioniert so aber nicht!“

Es ist unter anderem auch der genaue Blick, der Werner Jelinek auszeichnet. Und hier am Rande des Anekdotenhaften erzählt er, wie er früher, als die Kommilitonen sich für ihre Zeichenstudien Motive wie Fachwerkhäuser, Marktplätze und Brunnen suchten, er lieber einen Steinbruch unter die Lupe genommen hat, um hier die Strukturen, Linien und Schichten kennenzulernen. Und so bewahrt er auch Fundstücke auf, bei denen die Natur mit der ihr eigenen Meisterschaft solche Strukturen geschaffen hat.

Aus der ‘Natursammlung’ Werner Jelineks

Das vordergründig Idyllische war für ihn nicht so interessant. Und so entstehen denn auch später mit der Frankreichserie nicht idyllische Anmutungen einer Landschaft, sondern Bilder, die eine innere Erlebniswelt zu gestalten wissen.

Was die Wirksamkeit seiner Bilder betrifft, kann ich selbst nur sagen, dass sie Veränderungen bei mir als Betrachter hervorgerufen haben. Sie gaben den Impuls zu einem beginnenden Verständnis abstrakter Kunst, erledigten die Fragestellung hinsichtlich des Verhältnisses von Fotografie und Malerei und führten überhaupt dazu, das oben erwähnte Zitat von Nicolas Born besser zu verstehen. So danke ich Werner Jelinek also nicht nur für einen gastfreundlichen Nachmittag in seinem Atelier. Seine zahlreichen Ausstellungen will ich hier nicht im einzelnen aufführen. Darüber kann man sich am besten informieren auf der Website des Künstlerbundes Bottrop. Mit welchen Themen, mit welchen Serien geht es nun weiter? Ich wünsche Werner Jelinek noch viele erfolgreiche Jahre und freue mich auf die nächste Ausstellung. Die ist übrigens am 17.11. 2007 im Kulturzentrum Kirchhellen, im Hof Jünger.

botSPOT, 7. Juli 2007

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