Gespräch mit Manfred Lux
‚Verwandlung und Mitte’ - Ein Atelierbesuch in Solingen

von Rüdiger Schneider

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Foto: Website Manfred Lux

 

Den Künstler Manfred Lux vorzustellen, hieße sicherlich Eulen nach Athen zu tragen. Da BOT.spot aber über den lokalen und regionalen Kreis hinausgeht, sind zum Schluss des Artikels die Websites des Bottroper Künstlerbundes und auch die eigene Website von Manfred Lux angegeben. Hier findet man die entsprechenden Informationen zu seiner Vita.

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Manfred Lux in seinem Solinger Atelier
bei der Arbeit an einem Tondo

Das Gespräch mit Manfred Lux fand im Februar 2008 statt, ist nun schon einige Wochen her. Die Eindrücke damals bei dem Besuch in Solingen, wo Manfred Lux inzwischen wohnt und als freischaffender Künstler arbeitet, kristallisierten sich zu dem Thema 'Verwandlung und Mitte', wobei zu den nachhaltigsten Eindrücken meines Besuches die Performance 'Bildverbrennung', die Bilder der 'Winterreise' und die großformatigen 'Tondi' zählten.

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Blick in die Galerie des Solinger Ateliers

Anfang der neunziger Jahre wird es eine kritische Phase im Schaffensprozess von Manfred Lux gegeben haben. Zugleich ist diese Phase Wendepunkt und auch eine Art Transit, Durchgangs- und Übergangszustand. Manfred Lux empfindet einen gewissen Druck, Kunst produzieren, leisten zu müssen, was der schöpferischen Freude und der Freiheit, die Kunst eigentlich gewähren sollte, widerspricht. Schon beim Malen selbst schieben sich Gedanken an eine künftige Wirkung des Produktes in den Prozess mit hinein, stören, überschatten die Konzentration auf das eigentliche Tun. Die Kraft des schöpferischen Augenblicks ist abgeschwächt. Durch eine geniale Aktion befreit sich Manfred Lux von diesem Druck. Bilder, die er selbst als nicht gelungen einstuft, verschwinden, wandern in den Papierkorb. Bilder, die gelungen sind, werden verbrannt. Die Aktion ist eine radikale Befreiung. Der Künstler vermag sich wieder mehr auf den eigentlichen Schaffensprozess einzulassen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Kunst dagegen erhält die Möglichkeit, Überraschendes und Zufälliges einfließen zu lassen. Das kann sie nur, wenn sie nicht ausschließlich Objekt einer planenden, willentlichen und berechnenden Gestaltung ist. Das Bild 'redet’ also mit, hat eine gewisse Freiheit zur nicht steuerbaren Überraschung, zum Zufall. Ähnliche Prozesse und Befreiungsaktionen sind auch aus der Literatur bekannt. Es sind jene großen Krisen, wo man Druck und Belastung durch den Gegenstand empfindet, sich mit Selbstzweifeln quält. Die bekanntesten Beispiele sind etwa Hofmannsthals 'Lord Chandos - Brief', in dem von einem 'brückenlosen Abgrund' zwischen Künstler und künstlerischem Gegenstand die Rede ist, sodann auch Rilkes zehnjähriges absichtliches Verstummen, bis in einer Eruption die 'Duineser Elegien' erscheinen.

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‘Verwandlungsprodukte’

Eine Reihe von Bildern, die bei Manfred Lux während dieser kritischen Phase entstehen, werden als gut befunden und also auch verbrannt. Dies geschieht sinnfällig als Performance in einem Gottesdienst in der Bottroper Cyriakuskirche. Die Bilder werden der Vernichtung anheim gegeben, eigentlich aber auf extremste Weise verwandelt. Sie verschwinden nicht aus der Welt. In einer Art ‚Aschermittwoch für die Kunst’ entsteht aus ihnen ein neues Werk. Die Asche wird in Gläsern aufbewahrt. Das einzelne Glas erhält einen Titel. Es gibt anschließende Ausstellungen im Bottroper Quadrat, in Mülheim/Ruhr und in Paris.

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1994 gibt es eine andere Art von Verwandlungsprozess. Manfred Lux öffnet die Malerei zur Musik hin, lässt sich auf Schuberts 'Winterreise' ein. Es ist ein Zyklus von 24 romantischen Liedern über Sehnsucht, Vergänglichkeit, Verwandlung, Passion. Zu den während des Malens erlauschten Liedern entstehen Bilder, bei denen der Künstler keinen eigenmächtigen, vorgefassten Plan hat, sondern sich in einem Schaffensrausch von Musik und Text inspirieren lässt. Die Bilder (Acryl und Wachskreide auf Nessel) werden 1994 im Gelsenkirchener Musiktheater ausgestellt. Dann, im Mai 1994, in Bottrop, zur Eröffnung des Kammermusiksaales. Hermann Prey singt Schuberts 'Winterreise'.

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aus dem Zyklus ‘Winterreise’

Manfred Lux hat sich diese Bilder seit Jahren nicht mehr angesehen. Als wir in seinem Atelier sind, zieht er die Mappe mit den Werken aus einer Schublade seines Zeichenschrankes und erinnert sich an den damaligen Schaffensrausch, der Musik in Farbe und fließende Form verwandelt hat. Die Bilder sind rasch entstanden, in einer Hingabe an den Augenblick, in einer bewusstlosen Konzentration zur Mitte des künstlerischen Schaffens hin.

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aus dem Zyklus ‘Winterreise’

'Die Mitte finden' - das spielt eine im wörtlichen Sinne zentrale Bedeutung bei Manfred Lux. Nicht von ungefähr wendet er sich einem ungewöhnlichen Format zu, dem Tondo, also jenem kreisrunden Bildwerk, das in der italienischen Renaissance eine gewisse Rolle spielte, danach aber als zu problematisches Format eher abgelehnt wurde. Als man zum Beispiel Josef Albers fragte: "Warum machen Sie Quadrate und keine Kreise?" hatte der nur schlicht und etwas verschmitzt geantwortet: "Ein Kreis hat einfach keine Ecken!"

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Aber der Kreis hat andere Qualitäten. Für Manfred Lux bedeutet er eine Kraft zur Mitte hin. 1975 war mehr oder weniger zufällig das erste gemalte Kreisbild entstanden. In den Jahren danach spielte dieses Format keine Rolle. Aber ab 2007, quer zu allen das Format betreffenden Gepflogenheiten, erfolgt die Bevorzugung des Tondos. Großformatige, kreisrunde Bilder entstehen. Mit Farbpigmenten versehenes Wachs wird auf Sperrholzplatten aufgetragen. Es erfordert ein rasches, konzentriertes Arbeiten, da die Wachsschicht schnell erkaltet. Was die Strukturen betrifft, erhält die Kunst gerade hier ihre Chance zum Zufall. Bis in jede Einzelheit hinein lässt sich der Gestaltungsprozess der Oberfläche nicht steuern. In das noch flüssige oder gerade erkaltende Wachs werden Strukturen, Verletzungen eingeritzt, die dann durch das Auftragen neuer Wachsschichten weiter verändert werden können. Bewegte Linien und schlanke Farbflächen vermögen den Blick des Betrachters zur Mitte hin zu konzentrieren.

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Die Ausrichtung des Bildes zur Mitte hin entspricht auch einem meditativen Bedürfnis, und so ist das Tondo nicht einfach irgendein Kunstwerk, sondern zugleich auch Ausdruck eigener Suche. Die Kraft der Mitte finden. Das drückt sich in den neuen Bildern von Manfred Lux aus. Transparente Farben, Form und Oberflächenstruktur der Tondos ergeben einen konzentrierten Dreiklang. Es ist nicht nur eine optische Sinnfälligkeit, sondern auch eine zu ertastende. So hatte Manfred Lux sein anrührendstes Kunsterlebnis bei einer Ausstellung in Göttingen. Eine erblindete Frau fragt ihn, ob sie seine Bilder berühren dürfe.

- Ja -. Sie fährt nun vorsichtig mit der Hand über die Oberfläche, ertastet Form und Strukturen, während Manfred Lux ihr etwas zu den Bildern erzählt. Kunst wird auf einmal durch den Tastsinn und durch die begleitenden Worte erlebbar. 

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Wachs als Material auszuwählen, war kein reiner Zufall, sondern hat seine Geschichte. Manfred Lux hatte in Bottrop sein Atelier in der Böckenhoffstraße 7, jenem legendären Ort, wo sich schon einiges an Bottroper Kulturleben abspielte. Dort stapelte sich Material zum Batiken. "Komm, mach was mit mir!” fordert das Wachs ihn auf. “Gestalte mich!” So wendet sich Manfred Lux diesem Material zu. Es ist die ideale Malpaste - dünn aufzutragen wie Aquarell, plastisch, als würde man mit Ölfarbe spachteln, es ist transparent, die untere Farbe leuchtet durch, beim Gestalten lässt es der Kunst die Möglichkeit zum strukturellen Zufall. Das ‘Material der Verwandlung’ war gefunden.

Mit seinem hellen, großen Atelier in den Solinger Güterhallen, Gleis 3, hat es Manfred Lux gut angetroffen. Er fühlt sich wohl in der neuen Künstlerkolonie, hat ideale Schaffensbedingungen auch im Umfeld. Überhaupt ist er gut in Solingen angekommen, bleibt Bottrop indes nach wie vor verbunden. Besser als mit seinen eigenen Worten 'Ich liebe zwei Städte' kann man diesen Zustand nicht ausdrücken. Und mit Köln und Düsseldorf hat er auch noch zwei leicht erreichbare 'Vorstädte' hinzugewonnen.

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Als ich ihn an einem sonnigen Nachmittag nicht nur im Atelier, sondern auch in seiner Solinger Wohnung besuche, fällt auf dem Balkon das Sonnenlicht auf einen Buddha und ein Tondo. Der Buddha und das Tondo. Die Kombination ist kein Zufall. ‚Die Mitte findet man nur durch Verwandlungen und durch das sich Einlassen auf die Verwandlung’, mag der Buddha denken. Einer künstlerischen Aktion wie der Performance ‘Bildverbrennung’ hätte er lächelnd zugestimmt. Und käme man auf die Idee, die Tondi in einem tibetischen Tempel aufzubewahren, so hätte er sicherlich nichts dagegen. Diese Bilder haben als ‘Werke der Mitte’ ihre ganz eigene, eigentümliche Schönheit.

Website von Manfred Lux >>>
Website Künstlerbund Bottrop >>>

Fotos (außer Titelfoto): BOT.spot

botSPOT, 2. April 2008

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