Ein Interview mit Kai Röhrig -
musikalischer Leiter des Bottroper Kammerorchesters und
erster Kapellmeister am Landestheater in Salzburg

von Rüdiger Schneider

 

Kai Röhrig
Foto: Christian Schneider

Zur Person:

Am 18. November geht der KlangTurmMalakoff mit einem Konzert des Bottroper Kammerorchesters unter Leitung von Kai Röhrig in die siebte Runde. Die Kritiken der letzten Jahre waren ausnahmslos voller Begeisterung. Und so darf man sich auch auf den Novembertermin freuen, bei dem Stücke von Edvard Grieg, Giya Kancheli und eine Uraufführung von Theodor Burkali auf dem Programm stehen. Dass die Konzerte im Malakoffturm für Bottrop eine besondere Kulturmarke setzen, daran hat Kai Röhrig prägenden Anteil.


Das Bottroper Kammerorchester
Hintere Reihe: Vasile Darnea, Alexander Dressler, Ralf Perlowski,
Rene Lozynski, Kai Röhrig, Andreas Mehne. Vordere Reihe: Julia Vassilevskaia,
Reiko Sawada, Yuko Uenomto, Zsuzsa Debre, Miranda Harding, Pamela Rachel

‚Klassisch anders’ heißt sein Konzept. Die Formulierung bezieht sich zum einen auf den Turm, der mit seiner industriellen Atmosphäre für einen ungewöhnlichen Rahmen sorgt. Zum anderen ist es das Programm selbst, das in einem geschickten Balanceakt Traditionen bewahrt wie auch mit Neuem mutig experimentiert.

Kai Röhrig wurde 1971 in Oberhausen geboren, studierte nach dem Abitur am Bottroper Heinrich-Heine-Gymnasium zunächst an der Kölner Musikhochschule und dann am ‚Mozarteum’ in Salzburg Orchesterdirigieren und Chorleitung. Die zweite Diplomprüfung absolvierte er 1998 mit Auszeichnung. Im selben Jahr wurde er Preisträger der Internationalen Stiftung Mozarteum, die ihn mit der ‚Bernhard-Paumgartner-Medaille’ auszeichnete. Er ist erster Kapellmeister am Landestheater in Salzburg sowie Lehrbeauftragter am Mozarteum.

Es würde hier zu weit führen, all die renommierten Namen und Orte zu nennen, die Kai Röhrigs Weg bislang mit bestimmten. Hinsichtlich seiner Vita sei verwiesen auf die entsprechende Seite des Bottroper Kammerorchesters. Die Stadt Bottrop ist in der glücklichen Lage, von Internationalität und Erfahrungsreichtum zu profitieren.


Um Kai Röhrig in seinem musikalischen Schaffen den Leserinnen und Lesern etwas näher vorzustellen, haben wir ein paar Fragen an ihn formuliert.

BOT.spot: Von Richard Wagner gibt es die Erzählung ‚Pilgerfahrt zu Beethoven’. Es ist eine fiktive Geschichte. Der Erzähler spart sich die Reisekasse sozusagen vom Munde ab und unternimmt eine Fußwanderung nach Wien, um mit Beethoven sprechen zu können. Zu wem würden Sie – in einer Art Zeitreise – pilgern wollen?

Kai Röhrig: Wenn mich mein bescheidenes Schullatein nicht täuscht, stammt der „Pilger“ vom lateinischen Wort ‘peregrinus’ ab, was in etwa so viel bedeutet wie „Fremdling“ oder „in der Fremde“ sein. Insofern bin ich ja auch so etwas wie ein Pilger, da ich seit 13 Jahren nicht mehr zu Hause, sondern in der Fremde, nämlich in Salzburg lebe. Ich glaube, dass das in meinem Beruf unbedingt dazu gehört - das „auf der Reise sein“. Heimat ist für mich dort, wo ich Musik machen kann, nicht da, wo ich herkomme oder gerade wohne.

Was die Komponisten anbelangt, es gibt ja genug lebende - da brauche ich die toten nicht. Wer weiß, was in 200 Jahren aus den Tondichtern geworden ist, deren Werke wir heute aus der Taufe heben… Außerdem sprechen auch tote Komponisten sehr verständlich aus ihren Werken heraus. Vielleicht wären wir auch vom Menschen Beethoven gar nicht so begeistert. Wegen meines Visums für eine Reise nach Kairo war ich vorgestern in der ägyptischen Botschaft in Wien und die befindet sich fast auf der anderen Straßenseite von jenem Haus, in dem Beethoven 1802 sein Heiligenstädter Testament schrieb. Also irgendwo begegnet man sich eh immer wieder mal…

BOT.spot: Ein besonderes Ereignis ist in Salzburg die Uraufführung der ‚Scott Joplin Story’. Unter Ihrer musikalischen Leitung wird man Ragtimes und Jazz hören. Was reizt oder bewegt Sie an einer der ‚schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der amerikanischen Musikgeschichte’?

Kai Röhrig: Die Uraufführung dieser Produktion war am 19.10. im Landestheater in Salzburg, wo ich seit acht Jahren tätig bin. Die Beschäftigung mit dem Genre Ragtimes und Jazz gehört ja nicht zum alltäglichen Repertoire eines Opernbetriebes und war daher für alle Beteiligten eine reizvolle und abwechslungsreiche Herausforderung. Herausgekommen ist ein (vielleicht etwas zu) bunter Abend, der sich stilistisch irgendwo zwischen Musical, Oper und Ballett bewegt. Die Musik Joplins erklingt fast nie pur, sondern ist immer arrangiert und wie in einer Collage neu montiert und weitergedacht. Das ist sozusagen der Kommentar unseres Komponisten Joel Diermayr, den wir mit der Komposition des Werkes beauftragt haben. Dieser sah seine Aufgabe nicht im Restaurieren, sondern eher im Fortspinnen bzw. Neueinkleiden der genialen Musik Joplins. An der Person Scott Joplin (1868-1917) selbst finde ich besonders interessant, dass er eigentlich schon den Konflikt der gesamten amerikanischen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts symbolisiert. Künstler wie Gershwin, Ives, Bernstein oder Zappa haben Generation für Generation gegen die Spaltung von E- und U-Musik gearbeitet, wie sie in der europäischen Musikgeschichte längst eingetreten war. Kunstbetrieb und Unterhaltungsbranche sind sich bei uns gegenseitig suspekt und werden daher strikt getrennt. In den USA hingegen gibt’s für alles nur den Begriff des „Entertainment“ – womit wir wieder bei Joplin und seinem Entertainer wären…

BOT.spot: Welchen Einfluss hat der Malakoffturm auf die vom Orchester gespielte und die vom Publikum gehörte Musik? Und möglicherweise auch andersherum: Welchen Einfluss kann die Musik auf die Wahrnehmung des Turmes haben? Was ist das Besondere am KlangTurmMalakoff?

Kai Röhrig: Am Turm hat uns zu Beginn unserer Konzertreihe im Jahr 2004 zweierlei gereizt. Zum einen seine Geschichte und die damit verbundene Geschichte unserer Industriekultur im Ruhrgebiet. Interessant finde ich zum Beispiel, dass der Turm in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts errichtet wurde und ein Komponist wie z.B. Johannes Brahms zur gleichen Zeit komponierte – seine von uns im Turm aufgeführte erste Serenade schrieb er sogar im so nah gelegenen Detmold. Das finde ich faszinierend, dass die Steine dort im Turm so viel Geschichte inhaliert haben. Zum zweiten reizt uns natürlich die Atmosphäre im Turm. So ist eigentlich in jedem unserer Konzerte dort im Zusammenklang von musikalischem Programm und Aufführungsort etwas Besonderes entstanden - woran der Turm mit seiner archaischen und herben Ausstrahlung sicher großen Anteil hat. Auch aufgrund der Nähe (schließlich waren wir noch bei bislang jedem Konzert ausverkauft!) erlebt das Publikum die Musik und die Musiker besonders intensiv und unmittelbar. Und die Akustik ist immerhin nicht schlecht…

BOT.spot: Gibt es ein besonderes Ereignis, das Sie auf den Weg der Musik geführt hat?

Kai Röhrig: Eigentlich nicht. Auf jeden Fall hat mich Musik immer direkter angesprochen als Literatur und bildende Kunst. Ob ich mich ohne meine Begeisterung fürs Theater für den Beruf des Dirigenten entschieden hätte, bezweifle ich aber. Deshalb sind einige frühe prägende Erlebnisse irgendwie mit dem Theater oder Theaterspielen verbunden.

BOT.spot: In Kürze steht bei Ihnen eine Reise nach Ägypten an. Das reizt natürlich, Näheres darüber erfahren zu können.

Kai Röhrig: In Kairo steht die Uraufführung zweier Opern auf dem Programm, die auf Texten des ägyptischen Schriftstellers und Philosophen Tawfik al Hakim basieren. In seinen Werken setzte er sich für den Frieden und den Dialog der Kulturen ein und brachte die arabische Tradition mit der abendländischen in enge Verbindung. So bearbeitete er auf originelle Weise mehrere Stoffe aus der klassischen Antike (Ödipus, Pygmalion...), aus der christlich-jüdischen Welt (Die Angehörigen der Höhle / Prisca, Salomo...) und aus seiner ursprünglichen Kultur (Shéhérazade), die er mit französischer Philosophie verband.

Ein ägyptischer Komponist und ein österreichischer Komponist haben nun zwei seiner Stoffe vertont, und so ist dieses Projekt ein lebendiger Beitrag zum interkulturellen Verständnis. Zurzeit bereiten wir die beiden Werke mit einem unglaublich internationalen Team aus Schauspielern, Sängern und Instrumentalisten in Salzburg vor und reisen dann am kommenden Sonntag (11.11.) für die Schlussproben und Aufführungen nach Kairo und Alexandria.

BOT.spot: In Mörikes Novelle ‚Mozart auf der Reise nach Prag’ gibt es einige längere Passagen darüber, wie Mozart sich von anstrengender Arbeit erholt. „Und wenn er nun durch diese und andere Berufsarbeiten, Akademien, Proben und dergleichen abgemüdet, nach frischem Atem schmachtete …“ Was unternimmt Kai Röhrig in dieser Hinsicht?

Kai Röhrig: … dann spaziere ich durch den Schlosspark und pflücke gedankenverloren Orangen! – nein, Scherz beiseite, in der Novelle ist ja alles nur fiktiv, und Mozart hat sich bestimmt auch anders erholt, als es bei Mörike nachzulesen ist. Ich fühle mich mit meiner Arbeit rundum wohl und bin ja auch noch in einem Alter, wo ich es genieße, die Freiräume zwischen den Verpflichtungen am Theater und an der Uni mit Gastdirigaten, Tourneen oder der Arbeit für das BKO aufzufüllen. Und ansonsten bieten Stadt und Land Salzburg genügend Erholungsmöglichkeiten, wozu kommen wohl sonst diese wahnsinnig vielen Menschen das ganze Jahr hindurch hierher? Und wenn Salzburg mal zu eng wird? Auf der Reise bin ich ja sowieso ständig…

BOT.spot: Für die Ägyptenreise und auch überhaupt wünschen wir Ihnen alles Gute. Freuen wir uns hier in Bottrop also auf das Konzert im Malakoffturm.

botSPOT, 8. November 2007

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