Atelierbesuch bei Reinhard Wieczorek
Von der ‘Poetik des Raumes’ zu einer Poesie der Bilder

von Rüdiger Schneider(Text/Fotos)

Reinhard-1-400

Reinhard Wieczorek

Als ich im Januar 2007 Reinhard Wieczoreks Ausstellung ‘Aufzeichnungen’ im Hof Jünger besuche, ist die erste spontane Idee beim Betrachten der Bilder: “So etwas hätte dem alten Goethe mit seiner ‘Italienischen Reise’ einfallen sollen!” Welch farbfrohe Impressionen und launisch-lebendige Skizzen und Bilder wären uns überliefert worden! In einzelnen kleinen Szenen und dann wieder als großformatige Komposition, wo wie bei einem Kaleidoskop die Einzelelemente scheinbar durcheinanderpurzeln, in Wirklichkeit aber gerade auf diese Weise ein neues, einheitliches Kunstwerk ergeben. Bei solch einem Großformat mag man einzelne Bildelemente noch dechiffrieren, einer schlüssigen, griffigen Gesamtinterpretation aber entzieht es sich, verbirgt sich wie eine arabische Prinzessin hinter einem Schleier, wobei auch diese Assoziation nicht von ungefähr kommt, denn die ‘Aufzeichnungen’ haben auch etwas von Tausendundeiner Nacht und den Erzählungen der Scheherazade.

Aufzeichnungen-2-400

Nun, Goethe, obgleich er bei seinem italienischen Aufbruch hatte Maler werden wollen, ist nicht auf diese Idee gekommen. Den genialen Einfall mit den Aufzeichnungen dieser Art hatte Reinhard Wieczorek. Ein halbes Jahr nach der Ausstellung im Hof Jünger darf ich ihn in seinem Atelier in Grafenwald besuchen und ein paar neugierige und gewiß auch naive Fragen zu den Aufzeichnungen stellen. Es ist übrigens ein paar Minuten vor drei, als ich ins Atelier komme. Diese Zeitangabe ist nicht ohne Bedeutung, denn Punkt drei erhebt sich Meisengezwitscher im Raum. Es ist eine italienische Wanduhr. Zu jeder Stunde erklingt eine andere Vogelstimme. Das Atelier ist hell, groß, riesig. Wahrscheinlich hatte sich Reinhard Wieczorek eine Halle mit einem Wohnhaus nebenan gewünscht, und so ist es dann auch gekommen. Schön an dem Atelier ist auch, dass es eine kleine Bibliotheksabteilung mit einem gemütlichen Lesesofa gibt.

Reinhard-2-400

2002, erzählt er, hat er mit den Aufzeichnungen begonnen. Ein Buch von Gaston Bachelard ‘Poetik des Raumes’ gibt den Anstoß, den Räumen der eigenen Kindheit nachzuspüren, sie in ersten Skizzen in die Erinnerung zu rufen, sie festzuhalten. Allerlei Verstecke und Abenteuer tauchen da wieder auf. Verbotene Ausflüge auf Speicherböden, nicht ungefährliche Klettertouren in Revisionsschächte, aber auch der Baldachin eines Rhabarberbeetes ist ein Versteck der Kindheit. Selbst die Perspektive unter einem Küchentisch wird in der nun angelockten Erinnerung wieder lebendig. So entstehen zunächst einzelne Skizzen, Blätter, die später in größeren Formaten dieses Kaleidoskop aus Tausendundeiner Erinnerung ergeben und als Gesamtbild einen eigenen Kosmos erschaffen. Das Bild hat dann das, was ein gelungenes Kunstwerk ausmacht, es hat eine Aura. Reinhard Wieczorek erklärt es mit einem schönen Beispiel, wann ein Bild gelungen ist. Dieses Beispiel stammt von Karl Bobek, dessen Meisterschüler er auf der Düsseldorfer Kunstakademie war. Bobek sagt: “Wenn es Aliens gäbe und die stehen vor einem Bild und sehen es an und verstehen es, dann ist es gut.” Wobei hinzuzufügen ist, dass Aliens nichts hier auf der Erde vertraut ist, sie mit nichts etwas anzufangen wüßten, aber gleichwohl intuitiv den Zauber eines gelungenen Bildes erfassen könnten.

Aufzeichnungen-1-400

So also spürt Reinhard Wieczorek zunächst den Spuren der Kindheit nach, an die er eine warme, frohe Erinnerung hat, womit sich auch die heitere, bisweilen verspielte Farbgebung der Bilder erklärt. Auf der Suche nach den zunächst verlorenen Räumen gelingt es, die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen, die Zeit als Kontinuum zu erhalten, Erinnerungen, Bilder, Eindrücke, Erlebnisse vor dem Vergessenwerden, vor dem Versinken zu bewahren. ‘Gemaltes Tagebuch’ wäre auch ein möglicher Titel für die zahlreichen Skizzen und Bilder, die seit 2002 entstanden sind. Aber es geht nicht nur darum, etwas detailgetreu und realistisch festzuhalten, so wie etwa bei einem schriftlichen Tagebuch. Die Szenen aus der Erinnerung gewinnen neue Ausdrucksformen, neue Freiheiten, auch neue Zusammenhänge, es sind keine Fotografien, sondern künstlerische Bilder mit neuen frischen Aussagen und einem ganzen Spektrum an spielerischer Schaffensfreude.

Aufzeichnungen-4-400

Es ist nicht nur das Vergangene, was in den Aufzeichnungen auftaucht. Mittlerweile sind es auch Eindrücke und Erlebnisse neueren Datums, die auf diese Weise Eingang in die gemalte Welt finden. In Sarbinowo, 2007 also, fotografiert er, und zwar auf eine Weise, dass er bewusst die Bilder in die Unschärfe hineinholt. Um sie dann später, auf Leinwand, neu und anders lebendig werden zu lassen. Was man dann in einer großformatigen ‘Aufzeichnung’ sehen wird, vielleicht nur als ein Element eines größeren Zusammenhanges, geht dann auch zurück auf ein früheres Sehen, ein früheres Erlebnis, das dann aber zeitlich schon näher an die Gegenwart gerückt ist. Überhaupt ist das mit der Unschärfe so eine eigene Sache. Spontan fällt mir dazu der Physiker Heisenberg ein, und er fällt mir ein, weil wir auch über die Wahrheit der Dinge reden. Reinhard Wieczorek sagt: “Es gibt nicht die Wahrheit. Es gibt viele Wege.” Zu der Art, die Dinge so zu fotografieren, sie in eine Unschärfe hineinzuholen, würde Heisenberg sagen: “Richtig! Es gibt keine festen Umrisse, es gibt nur einen Raum.” Reinhard Wieczorek schafft den Konturen sozusagen eine Zwischenablage, um sie dann später in poesievoller Anmut neu und anders sein zu lassen. Ein eigener schöpferischer Akt ist gelungen, der das neue Bild zu einem autonomen Phänomen werden läßt, an dem der Betrachter teilhat und damit auch an der Kreativität des Malers. So auch oder so ähnlich sagt es Bachelard in der ‘Poetik des Raumes’. Hier sagt er es zwar für die Literatur, aber die Übertragung auf ein gemaltes Bild liegt nahe. Die Poesie der gemalten ‘Aufzeichnungen’ erlaubt ein Emportauchen aus bedeutungsfixierten Abbildungen hinein in den Bereich lebendiger Farben und Formen und ist die Eroberung spielerischer Ungebundenheit.

Aufzeichnungen-3-400

‘Die Schrecken des Eises und der Finsternis’ oder ‘Hüttenbild’ (?)

Ein konkretes, ein anekdotenhaftes Beispiel erzählt Reinhard Wieczorek zu einem dieser Bildelemente: Es gibt ein großformatiges Bild - es lehnt jetzt noch an der Atelierwand -, das neben anderen Motiven eine Hüttenszene enthält. Der Titel des Bildes steht noch nicht fest. ‘Hüttenbild’ heißt es vielleicht einfach oder aber auch ‘Die Schrecken des Eises und der Finsternis.’ Das Bildelement geht zurück auf ein künstlerisches Erlebnis par excellence. Reinhard Wieczorek zieht sich im Winter in eine Almhütte zurück, um in aller Abgeschiedenheit zu zeichnen, zu malen. Die Stifte liegen gespitzt vor ihm auf dem Tisch. Das Papier ist weiß und erwartungsfroh. Hier aber, wo doch alle Bedingungen einer reichen künstlerischen Produktion zuzuspielen scheinen, verweigert sich die Kunst. Sie ist keine Marionette, läßt sich nicht planen, nicht dirigieren. Nichts geht. Statt dessen wird er meterhoch eingeschneit und ist froh, nach ein paar Tagen des Schaufelns wieder im Tal ankommen zu dürfen. Malerisch entsteht dann allerdings später die ‘Hüttenszene’ und jener lakonische Titel ‘Hüttenbild’ oder aber auch etwas dramatischer ‘Die Schrecken des Eises und der Finsternis’. 

Es ist vier. Die italienische Uhr meldet sich. Welcher Vogel jetzt singt, ist schwer auszumachen. Ein Pirol, eine Schnee-Eule, ein Waldkauz? Man müßte dazu schon auf das Ziffernblatt schauen, wo die Vögel aufgezeichnet sind. Aber da wir uns in der Poesie der Unschärfe bewegen, ist das ziemlich egal.

Ich bekomme einen näherungsweisen Einblick in die Poesie eines Bildes und seine ungefähren Entstehungswege. Und auch eine erste Ahnung von der schöpferischen Autonomie eines Kunstwerks. Es entzieht sich der präzisen Interpretation und ist gerade dadurch präsent und wirkungsvoll. Die Aura der Bilder ist darin begründet, dass der Betrachter, ohne es zu wissen, sie versteht. Das auch ist ihre Poesie in Farbe und Form. Es ist die reizvolle Welt der Scheherazade, die einem gemalt gegenübertritt. Ich weiß nicht, ob es kunsthistorisch ähnliche Versuche gibt. Aber Reinhard Wieczorek hat mit seinen ‘Aufzeichnungen’ offensichtlich einen neuen Weg beschritten, der von der ‘Poetik des Raumes’ hin zu einer neuen Poesie der Bilder führt.

Frühere Bilder von Reinhard Wieczorek kann man übrigens ab 3. September 2007 in der Essener Galerie Mika sehen. Der Titel der Ausstellung ist ‘Landschaften’. Die Galerie Mika ist in der Martin-Kremmer-Str. 12 (Designstadt Zollverein). Nähere Informationen zu Reinhard Wieczorek findet man auf der Seite des Künstlerbundes Bottrop und natürlich auf seiner eigenen Website www.malerfuerst.com .

botSPOT, 21. August 2007

<< zurück zur Übersicht

Anzeige:
bottrop-DVD - Die Zukunft hat Vergangenheit
Bottrop - Die Zukunft hat Vergangenheit.
Ein interaktive Video-DVD. Weitere Infos:
www.video-on-stage.de