Gespräch mit Adele Zurhausen
Tänzerin mit ‚lyrischer Anmut’

 

von Rüdiger Schneider

Adele Zurhausen (Essen, 1970)

Adele Zurhausen hat als Tänzerin, Choreographin und Tanzpädagogin ein besonderes Kapitel Bottroper Kulturgeschichte geschrieben und begründet. Liest man in den verschiedenen Tageszeitungen die Rezensionen zu den damaligen Aufführungen, wird deutlich, dass sie dabei Außergewöhnliches geleistet hat – sowohl während ihrer eigenen Bühnenzeit wie auch nachfolgend in ihrer Ballettschule. Hier alle Aufführungen und Orte zwischen London und Barcelona zu nennen oder gar die Zeitungsberichte zu zitieren, in denen sie gefeiert wird, würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen. Glücklicherweise aber liegt eine Biografie über ihr künstlerisches Wirken vor, die über Werdegang und Stationen umfassend informiert und die auch für diesen Text, neben dem persönlichen Gespräch mit Adele Zurhausen, Grundlage war. Es ist Werner Sommers Buch ‚Adele Zurhausen – Tänzerin und Pädagogin’. Erschienen ist es 2003 im Essener Klartext-Verlag. Das Buch hat 191 Seiten, ist mit zahlreichen Fotos versehen. Erhältlich ist es in der Humboldt-Buchhandlung. Zur Vorstellung der Person – für die Leser und Leserinnen, die sie vielleicht noch nicht kennen – darf ich mich hier mit einer einführenden Skizze begnügen, die natürlich den gesamten Erfahrungs- und Wirkungsbereich nicht wiedergeben kann.

Adele Zurhausen mit Ulrich Roehm (Folkwangschule, 1955)

Es ist ein langer und auch entbehrungsreicher Weg von den ersten Tanzübungen bei Radiomusik bis hin zur gefeierten Tänzerin. Adele Zurhausens Stationen führen nach der Ausbildung an der Folkwangschule über Wuppertal und Köln nach Essen an die Städtische Bühne, wo sie von 1963 bis 1975 unter Roger George und Boris Pilato als Solotänzerin auftritt.

Adele Zurhausen und Rainer Köchermann.
('1.Symphonie op. 10' von Dimitri Schostakowitsch, Essen 1974)

1975 entschließt sie sich für den Abschied von der Bühne, um in ihrer Heimatstadt Bottrop einen ganz persönlichen kulturellen Beitrag zu leisten. Es ist wirkliche Pionierarbeit, die in besonderem Maße herausfordert. Adele Zurhausen beginnt an der Folkwang-Hochschule mit ihrem zweiten Studium und schließt ihre tanzpädagogische Ausbildung mit dem Prädikat ‚sehr gut’ ab. Am 28. November 1977 eröffnet sie in der Horster Straße ein Ballett-Studio. Später erfolgt der Umzug in ein traditionelles Domizil, in das Postberg-Druckhaus in der Kirchhellener Straße 9a.

Adele Zurhausen beim Unterricht an der Musikschule Gladbeck (1975)

Ein besonderes Anliegen ist für sie auch, neue Talente entdecken und fördern zu können, überhaupt die Freude an Tanz und Bewegung zu vermitteln. Dabei ist ein therapeutischer ‚Nebeneffekt’ willkommen: „Viele Kinder’, sagt sie, „kommen mit großen Hemmungen zu mir, aber nach kurzer Zeit merkt man, dass sie an Sicherheit gewinnen.“

Von der Londoner ‚Royal Academy of Dance’ reisen jährlich Prüfer nach Bottrop, um hier die Prüfungen abzunehmen, die den Talenten den Zugang zu den Hochschulen ermöglichen. Die Ausbildung in der Ballett-Schule Zurhausen gilt als ein Leistungsnachweis, der Türen öffnet. Die Bottroper Ballett-Aufführungen – sie finden in den ersten Jahren noch in der ‚Schauburg’ statt - werden von Publikum und Presse begeistert aufgenommen.

Aber wie war das mit den Bühnenmöglichkeiten in Bottrop? Bis 1987 gab es immerhin noch mit der ‚Schauburg’ einen Theatersaal. Nach dem Abriss aber ist es nicht gelungen, eine andere, würdige oder noch würdigere Stätte zu bauen. „Die Aula im Josef-Albers-Gymnasium oder der Städtische Saalbau kann kein Theater ersetzen. Weder was Atmosphäre betrifft noch Bühnenausstattung“, meint Adele Zurhausen. „Bei den gastierenden Schauspiel-Ensembles ist das bekannt. Geht es nach Bottrop, so heißt es ‚Notgepäck mitnehmen’. Das heißt, man kann nur das halbe Inventar an Requisiten einsetzen und eigentlich auch nur die Hälfte der Künstler.“

‘Höfische Suite’ in der Choreographie Adele Zurhausens
(Gladbeck, März 1998)

Es ist ein leidiges Thema, von dem insbesondere auch Adele Zurhausen betroffen ist. Das fehlende Theater ist ein kulturelles Defizit in Bottrop. Nach vielen ausverkauften Vorstellungen in der ‚Schauburg’ musste die Theaterarbeit erst einmal abrupt beendet werden. Erst ab 1990 kommt es wieder zu Auftritten in der Stadt. Unter anderem sind es Einladungen der Historischen Gesellschaft in die Probsteikirche St. Cyriakus und auch die Aula des Josef-Albers-Gymnasium kann genutzt werden. Häufig aber dürfen sich insbesondere die Gladbecker an Ballettaufführungen in ihrer Stadthalle erfreuen.

Adele Zurhausen, Alissa Argese als Katze
(Probenfoto ‘Hänsel und Gretel’, 2003)

2003 zieht sich Adele Zurhausen aus der Ballettschule zurück, die nun ihre Schwiegertochter Ulla Schulte-Zurhausen nach den Vorgaben der RAD (Royal Academy of Dance) weiterführt. Adele Zurhausens ehemalige Schülerinnen werden an verschiedenen Hochschulen ausgebildet und tanzen auf verschiedenen Bühnen Deutschlands. Man weiß, mit wem man diese Tanzkunst in Verbindung zu bringen hat.

Probenfoto: ‘Hänsel und Gretel’ mit (v.l.) Julia Harhoff und
Kira Schulte-Zurhausen (Ballettschule Adele Zurhausen, 2003)

Der Abschied von den eigenen Bühnenauftritten ist ihr schwergefallen. Aber schwerer noch der Abschied von ihrer Ballettschule, wenngleich die Wehmut dadurch gemildert wird, dass die Schule in besten Händen ist und die von ihr begonnene Arbeit fortgeführt wird. Aber dennoch: Es ist eine besondere Zäsur gewesen.

„Und jetzt?“ frage ich neugierig. „Es fehlt mir noch ein Puzzle im Leben“, sagt sie. Aber was es ist, weiß sie noch nicht genau oder ist so zurückhaltend, es noch nicht bekannt zu geben. Sie wird sich neue Bereiche erobern. Zunächst einmal stehen Reisen an. Nach Peru, Chile. Auch Sydneys berühmte Oper möchte sie gerne einmal besuchen. Die USA dagegen reizen sie nicht. Sie ist eine Person, die der ‚American Way of Life’ eher abstößt. Und was das Reisen betrifft, liegen immer wieder auch Einladungen zu Aufführungen ehemaliger Schülerinnen vor. Wird man die eine oder andere auch in Bottrop erleben? Solange es in der Stadt kein Theater gibt, ist das eher unwahrscheinlich.

Adele Zurhausen und Uwe Evers
(‘Konzert für Orgel, Pauke und Orchester’, Essen 1975)

Für meinen Besuch an einem Montagnachmittag im Februar 2008 gibt es sozusagen eine innere Entwicklung. Die Begegnung ist kein Zufall. Eigene Überlegungen und Erfahrungen zum Zusammenhang zwischen ‚Musik und Raum’ bzw. ‚Klang und Raum’ weisen weiter zu dem Thema ‚Bewegung im Raum’. Es gibt Erlebnisse, bei denen sich Musik visualisiert. So etwa bei einem Konzert des ‚Trio Meditamentum’ im Rahmen von OrgelPlus. Im Raum erscheint vor dem inneren Auge ein tanzender Elfenreigen. Es gibt nicht nur eine sinnliche Rezeption von Musik, bei der man zuhört und stillsitzt, sondern es gibt die Transformation in den ganzen Körper hinein. Dass es in Bottrop jemanden gibt, der darüber bestens Bescheid weiß, erfahre ich durch eine jüngst erschienene DVD ‚Bottrop – Die Zukunft hat Vergangenheit’. Hier gibt es das Kapitel ‚Personen und Persönlichkeiten’. Darin ist Adele Zurhausen aufgeführt.

„Nein, es ist nicht nur die Musik, die umgesetzt wird“, sagt sie. „Die Tanz- und Bewegungskunst ist umfassender. Man kann mit dem Körper ein Gedicht ausdrücken, ein Schauspiel, ein Bild, irgendein Geschehen, irgendeine Befindlichkeit. Es ist eine weltweit verständliche Sprache ohne Worte.“

Adele Zurhausen hat zahlreiche Fotos aus ihrer eigenen achtzehnjährigen Bühnenzeit und aus den 26 Ballettschuljahren in Bottrop. In einer der Zeitungsrezensionen aus dem Jahr 1971 hebt man die ‚lyrische Anmut’ der Tänzerin hervor. Es bezieht sich auf eine Aufführung des Essener Theaters. Geboten wird unter Boris Pilato das Handlungsbalett ‚Abbandonate’ nach Lorcas Tragödie ‚Bernarda Albas Haus’. In diesem Stück hat Adele Zurhausen die Rolle der ‚sündhaften’, jüngsten Tochter.

Adele Zurhausen mit Janez Samec (‘Abbandonate’, Essen 1971)

‚Eine umjubelte Premiere’ urteilt die NRZ. ‚Neuer Ballettabend fand begeistertes Publikum’ titelt die WAZ. Ebenso begeistert äußern sich die ‚Ruhr Nachrichten’: ‚Adele Zurhausen als jüngste und ‚sündhafte’ Tochter einer herrischen, despotischen Mutter verdient unter den Solisten an erster Stelle genannt zu werden. Weit über eine selbstverständliche technische Perfektion hinaus identifiziert sie sich völlig mit ihrer Rolle.’

Dieser Rolle würde sie nicht nur auf tänzerische Weise Ausdruck verleihen können, erzählt sie. Auch als Schauspielerin hätte sie das gereizt. Gerade auch Lorcas Drama ‚Bernarda Albas Haus’. Das Schauspiel wäre durchaus auch eine Alternative für sie gewesen.

Die Formulierung ‚lyrische Anmut’ gefällt mir besonders. Die Aussage trifft auf die gesamte Reihe der Fotos zu, die ich an diesem Nachmittag sehen darf. Es ist schon ein besonderer Moment, einen Blick in dieses Archiv werfen zu dürfen.

Auch Anekdotenhaftes gibt es. Ein Foto zeigt sie mit ihrem Kater Glöckchen, der inzwischen im Katzenhimmel ist. Sie trägt ihm noch einiges nach. Unter anderem, dass er den geliebten Familienhamster spurlos verschwinden ließ oder kostbares böhmisches Geschirr zerdepperte.

Adele Zurhausen mit Kater ‘Glöckchen’

Drei großformatige Bilder liegen nur als Fotokopie vor. Sie sind ihr erst vor kurzem vom Deutschen Tanzarchiv in Köln zugeschickt worden. Der Begleittext lautet: ‚… durch Zufall stieß ich neulich auf drei Photos von einer vielversprechenden, jungen Tänzerin, aufgenommen vom berühmten, deutschen Tanzphotographen S. Enkelmann…’ Unter einem der Fotos hat man seitens des Deutschen Tanzarchivs vermerkt: „Das ist ein richtiges ‚Starphoto’!“ Diese Wertschätzung dürfte sich auf zweierlei beziehen: auf den Fotografen, aber eben auch auf die Tänzerin.

Probenfoto mit Adele Zurhausen im Kostüm zum Ballett ‘Wandlungen’
(Köln, 1960)

Beim Betrachten der Fotos kommt mir ein Essay von Kleist in den Sinn. Über weite Strecken ist dieser Essay eine Abhandlung über die Tanzkunst. Darin heißt es: ‚Von der Trägheit der Materie, dieser dem Tanz entgegenstrebendsten aller Eigenschaften, wissen sie nichts, weil die Kraft, die sie in die Lüfte erhebt, größer ist als jene, die sie an die Erde fesselt… sie brauchen den Boden nur wie die Elfen, um ihn zu streifen.’

Einen solchen Eindruck vermittelt die Tanzkunst von Adele Zurhausen. Antigrav scheint sie zu sein. Die Elfe, die den Boden streift - mit einer besonderen ‚lyrischen Anmut’.

weitere Fotos von Adele Zurhausen >>>

botSPOT 12. Februar 2008

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