Xanten und Marienbaum

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

spätgotischer Kreuzgang, Xantener Dom

‚Visitandum est’ – ‚Es ist zu besuchen!’ So lautete eine mittelalterliche Maxime. Sie legte nahe, auf dem Weg nach Santiago Orte mit bedeutenden Reliquien oder Miracelgeschichten zu besuchen. Hier sollten die Pilger innehalten, um Schutz für die weitere, nicht ungefährliche Reise bitten.

Xanten, Dom

Xanten mit dem Grab des Heiligen Victor war auf der Route von Norden oder Nordosten solch ein Anlaufpunkt. Aber auch das circa acht Kilometer nordwestlich der Domstadt gelegene Marienbaum gehörte mit dazu.

Marienbaum, Kirche

Hier folgt der Überlieferung nach im 15. Jahrhundert ein gelähmter Schafhirte einem Traumbild, findet in den Verästelungen einer Eiche eine Marienstatue und wird geheilt. Ein paar Jahre danach lässt der Clever Herzog eine Kapelle an dem Ort bauen. Wiederum ein paar Jahre später stiftet seine Gattin, Maria von Burgund, ein Kloster.

Maria von Burgund, Statue in Marienbaum

Damit ist nicht nur für die Marien-, sondern auch für die Jakobus-Verehrung ein besonderes Zeichen gesetzt. Denn die Namenspatronin des Klosters, Birgitta von Schweden, hatte selbst eine Wallfahrt nach Santiago unternommen. Den Ordensleuten in Marienbaum war es von daher ein besonderes Anliegen, Santiago-Pilger zu betreuen, von denen es heißt, sie seien ‚in großen Scharen’ gekommen.

'Gnadenbild'

Die Statue, das ‚Gnadenbild’, das der Hirte der Legende nach gefunden hat, befindet sich heute in der Marienbaumer Pfarrkirche (St. Mariae Himmelfahrt). Es ist eine niederrheinische Arbeit aus dem frühen 14. Jahrhundert. Der Brunnen vor der Kirche, mit einer Nachbildung der Statue, wurde Ende des 20. Jahrhunderts von einem italienischen Bildhauer geschaffen.

Muschel am Brunnen, Marienbaum

Eine Muschel am Sockel verweist auf die enge Beziehung Marienbaums zum Jakobsweg.

Marienbaum, Brunnen - im Hintergrund das Wallfahrtsmuseum

Marienbaum besitzt noch ein weiteres Kleinod. Gegenüber der Kirche kann man ein liebevoll eingerichtetes Wallfahrtsmuseum besuchen. Auch hier sind wieder ‚Santiagos Spuren’ sichtbar.

Jakobusfigur, Detail, Wallfahrtsmuseum Marienbaum

In einer Vitrine befindet sich eine Statue des Heiligen Jakobus, eine Südtiroler Arbeit aus dem 18. Jahrhundert. Ein besonderes Kleinod ist der Reliquienkasten einer Birgittinesse von 1740. Er zeigt eindrucksvoll die Bedeutung, die den Reliquien zu eigen war. Auch Berührungsreliquien wie z.B. eine Miniatur des Trierer Rocks gehören mit dazu.

Reliquienkasten, Wallfahrtsmuseum Marienbaum

Was Xanten betrifft, ist es nicht nur der Dom gewesen, der die Pilger anzog, sondern auch die alte und zugleich moderne Römerstraße. Auf ihr bewegten sich im Mittelalter die Handelskarawanen nach Süden. In ihrem Gefolge befanden sich die Pilger. Wer in Xanten auf den Spuren des Jakobus ist, wird selbstverständlich auch einen Besuch des archäologischen Parks nicht versäumen.

Rundgang Amphitheater

Er vermittelt den Eindruck einer hoch entwickelten Baukunst. Großzügig und modern wird auch das ehemalige Wegenetz gewesen sein, attraktiv für Pilger. Die römischen Straßenanlagen garantierten ein rasches und zugleich auch gesichertes Fortkommen.

Jakobusfigur, Xanten

Selbstverständlich hat Xanten ebenso wie Marienbaum seine sichtbaren Bezüge zum Jakobsweg. So befindet sich zum Beispiel eine Jakobusstatue im Xantener Dom, und im fernen Spanien, in der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada, verweist eine Inschrift auf das bekannte und viel zitierte Hühnerwunder, das einem Xantener Ehepaar dort widerfuhr.

europäisches Wegezeichen

Marienbaum und Xanten werden eingebunden in das europäische Wegenetz. Die offizielle Einweihung steht bevor. Eine 200 Kilometer lange Teilstrecke führt dann von Nimwegen aus über Kleve, Xanten, Rheinberg, Orsoy, Moers, Krefeld und Neuss nach Köln. Das europäische Wegezeichen, die gelbe Muschel auf blauem Grund, ist bereits allenthalben zu finden. Und erst vor kurzem gab es auf der anderen Rheinseite den sogenannten ‚Westfälischen Lückenschluss’, der das Baltikum mit Spanien verbindet. Die Trasse wurde am 7. April 2008 in Ascheberg (Kreis Coesfeld) eröffnet. Sie verläuft von Osnabrück nach Wuppertal (über Lengerich, Ladbergen, Münster, Herbern, Werne, Cappenberg, Lünen, Dortmund, Hohensyburg, Herdecke, Gevelsberg und Schwelm). Weitere Routen sind in Planung. Dann spannen sich rund um das ehemalige Kirchspiel Borthorpe die europäischen Wege nach Santiago. Da mit der Kommende Welheim, einem Deutschritter-Orden, der dem Pilgerschutz verpflichtet war, auch Bottrop im Mittelalter als bedeutender Anlaufpunkt galt, wäre eine Querverbindung von Dortmund über Bottrop nach Walsum und Orsoy denkbar. Zumal die grüne Stadt im Ruhrgebiet mit der Rotbachroute über die allerbesten Voraussetzungen verfügt.

Um noch einmal auf Xanten zurückzukommen: Die Stadt freut sich über den Pilgerboom. Man weiß, man wird davon touristisch profitieren. So kümmert sich dort die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) mit um die alten Pilgerwege, und Xantens Bürgermeister gibt zuversichtlich kund: „Die Erschließung der Wege ist eine sehr lobenswerte Sache!“

 

botSPOT, 15. April 2008

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