Zu Besuch bei Pfarrer Dieter Frintrop in Coesfeld


von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

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Pfarrer Dieter Frintrop mit einem Bund Ähren
für den Pilgerstab seiner Jakobus-Statue

Zugegeben: Der Titel klingt zunächst etwas nüchtern. Aber der Besuch bei dem ehemaligen Pfarrer von St. Jakobi hatte so manche Überraschung für mich. Zunächst wusste ich nicht, in welchem Ausmaß sich Pfarrer Dieter Frintrop um die Jakobusverehrung in Coesfeld verdient gemacht, ja sie sogar wiederbelebt hatte, sodann erfuhr ich von einem schönen und sinnvollen Projekt, das in zehnjähriger Arbeit umgesetzt werden sollte, dem aber kurz vor der Verwirklichung wegen kleinlicher Bedenken eine Abfuhr erteilt wurde. Und schließlich, darüber war ich besonders froh, wurden mir einige Bedenken genommen. Manchmal zweifel ich nämlich an dem Sinn von Reportagen über den Jakobsweg.

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Jakobus-Statue von 1700

Berichte zum Jakobsweg können changieren zwischen Abenteuererlebnis, Experiment und ursprünglicher Pilgerschaft. Je nachdem, mit welchen Motiven man unterwegs ist. Und möglich ist auch die Haltung, gar nichts darüber zu erzählen, weil es eben ein privates Erlebnis ist, das nicht unbedingt veröffentlicht werden muss. Das ist eine Haltung, die mir recht verständlich ist. Andererseits aber, so überlegte ich, wäre es schade, würde nicht auch das Persönliche – in geeigneter Form natürlich – mitgeteilt werden können. Die Literatur wäre um einiges ärmer. Man denke nur an die ‚Confessiones’ des Augustinus oder an die Lyrik Karol Wojtylas.

Mit Pfarrer Frintrops Bericht der Pilgerschaft nach Santiago aber lag mir dann mit dem Titel ‚Der Weg ist das Ziel’ ein Text vor, der in glücklicher Weise dem Anliegen des Pilgerweges nachkam und deutlich aussprach, worum es ging. Auf diese Weise war wieder ein tieferes Bild des Weges möglich, ohne dass man sich allzu sehr ins Gebiet der Reisereportage verirrt.

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Biblisches Still-Leben

Schon der Eintritt ins Wohnzimmer war eine Überraschung. Eine Jakobusfigur (von 1700) mit einem Bund Ähren am Pilgerstab, ein Bild alter Antwerpener Malschule (von 1520) in leuchtenden Farben mit der Szene im Garten Gethsemane, eine große, aufgeschlagene alte Bibel (von ca. 1700) in der Mitte zwischen Figur und Bild. Dieses Still-Leben bildete einen anrührenden Dreiklang.

Als Pfarrer Frintrop 1976 in St. Jakobi eingeführt wurde, da war für ihn Jakobus zunächst nur einer der zwölf Apostel. Im gleichen Jahr aber unternahm er eine Flug-Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Das war der Beginn einer Liebe und Leidenschaft, die ihn nie mehr losließ. Da hatte er sich, wie er es selbst scherzhaft ausdrückt, den 'Bazillus' eingefangen.

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Pfarrsiegel von St. Jakobi - Coesfeld

Aus Santiago zurückgekehrt sammelt er die Anschriften von ca. 700 Jakobus-Kirchen und Kapellen im gesamten deutschsprachigen Raum und schreibt Briefe dorthin auf der Suche nach einem Patronatslied und einem geeigneten Pfarrsiegel. 300 Siegelabdrucke werden ihm zugeschickt und etwa 50 Lieder. Die meisten waren ihm aber zu schwülstig in der Melodie oder im Text zu blass. Da lernte er den Komponisten Gustav Biener kennen, der innerhalb von 14 Tagen die Melodie komponierte und sie ihm persönlich widmete. Den Text besorgte der Germanistik-Professor Friedrich Kienecker. Das Lied nahm seinen Lauf und gilt heute offiziell als Santiago-Pilgerlied für alle deutschen Pilger entlang der Pilgerstraßen durch Frankreich und Spanien.

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Siegel des Vatikans zur Bestätigung der Echtheit der Reliquie

Ebenfalls im Jahr 1976 erscheint die erste Ausgabe der Pfarrnachrichten. Bezeichnenderweise tragen sie den Titel 'Die Muschel'. Bis zum größten 'Coup', wenn man das so nennen darf, sind es noch dreizehn Jahre. Pfarrer Frintrop bemüht sich lange Zeit um eine Jakobus-Reliquie. Es ist ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Aber das 'kleine Wunder', wie er es ausdrückt, geschieht. 1981 beginnt er die erste Etappe auf dem Weg nach Santiago, 1988 ist mit der letzten Etappe das Ziel erreicht. Als er zurückkehrt, findet er unter den zahlreichen Postsendungen ein Angebot aus Köln. Von einem verstorbenen Priester kann er eine vom Vatikan als 'echt' bestätigte Jakobus-Reliquie erwerben. Am 20. August 1989 wird die Reliquie in der Jakobi-Kirche im Sockel der Jakobus-Statue feierlich beigesetzt.

Ein anderes Unternehmen endet weniger glücklich. Pfarrer Frintrop schlägt einen 'Jakobskerkenpad', einen 'Jakobskirchenweg' vor, einen Rundweg, der alle neun Jakobuskirchen im deutsch-niederländischen Grenzgebiet Twente erfasst. Mit diesem Weg soll der Gedanke des vereinten Europas wach gehalten werden. Die Strecke beträgt etwa 160 Kilometer. Das Projekt erfährt große Zustimmung und Akzeptanz. Zehn Jahre dürfen Pfarrer Frintrop und seine Mitarbeiter recherchieren, Orte aufsuchen, Wegstrecken ausarbeiten. Als es dann an die Verwirklichung geht und damit auch an die Zahlung der Zuschüsse für das Projekt, sagt der EuregioVerband 'Nein!'. Das Projekt sei ihm zu kleinflächig. Schade um diese schöne, grenzüberschreitende europäische Idee. An dieser Stelle darf die Frage erlaubt sein, was da wirklich kleinflächig ist. Der Rundweg oder das Verständnis der Euregio-Verantwortlichen.

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Pfarrer Dieter Frintrop mit der Bibel von 1700

Die Leidenschaft für den Jakobsweg ist in der Coesfelder Wohnung von Pfarrer Frintrop allenthalben sichtbar. Von der Jakobusstatue über Kalebassen, Muscheln, Jakobskreuzen bis hin zum Pilgerstab. Im Zentrum dieser Liebe aber steht die Überzeugung: Wir sind Pilger zwischen zwei Welten, und so ist das Unterwegssein Sinnbild der menschlichen Existenz schlechthin. Der Weg ist das Ziel, und der Jakobsweg gibt mehr als das 'irdische Alles'. Mit dieser Botschaft mag man auch die zunehmende Anziehungskraft des Jakobsweges erklären. In einer Gesellschaft, die existentielle Fragen zunehmend verdrängt, öffnet sich mit dem Camino der Aufbruch in die transzendente Dimension, für die der Mensch eigentlich angelegt ist.

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Pilgerstab mit Muschel, Kalebasse und Hut

Von Pfarrer Frintrops eigener Pilgerung nach Santiago de Compostela handelt dann der kommende dritte Artikel.

botSPOT, 16. März 2008

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