Dreimal südwärts: Rom – Jerusalem – Santiago
Die Reise des Arnold von Harff

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

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Kolorierter Holzstich des Flammarion

Zum Thema ‘Jakobsweg’ läuft zur Zeit eine sehr empfehlenswerte Ausstellung, eine knappe Autostunde von Bottrop entfernt. Im Museum Villa Erckens in Grevenbroich sind Exponate rund um die Pilgerfahrt des rheinischen Ritters Arnold von Harff ausgestellt.

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Museum Villa Erckens in Grevenbroich

Titel ist ‚Arnold von Harff: Ritter – Pilger – Dichter’. Seine Pilgerreise hat zwei Jahre gedauert, von 1496 bis 1498, führte ihn von Köln nach Rom, dann weiter nach Jerusalem und dann erst nach Santiago de Compostela. Er hat ein Pilgertagebuch hinterlassen, das zunächst handschriftlich weitertradiert wurde, 1860 im Druck erschien und erst jetzt, also 2007, in moderner neuhoch-deutscher Transkription neu publiziert wurde (siehe Literatur unten).

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Ritter – Pilger –Dichter. Man hat ein einzigartiges Pilgertagebuch vorliegen. Als Ritter, also von höherem Stand und ‚Einkommen’ pilgert er mit dem Komfort eines Hape Kerkeling, allerdings unter mittelalterlichen Verhältnissen und damit auch unter großen Gefahren und mit erheblichem Ungemach. Als Dichter vermag er seinen ‚Reisebericht’ sehr schön auszuschmücken. Man findet hier Einschübe über Amazonen, den Venusberg und allerlei andere abenteuerliche Dinge. Als Pilger ist er fromm, um Ablässe bemüht, kaum eine Kirche lässt er aus, zugleich aber ist er auch mit einer gewissen Skepsis gesegnet, die berechtigt ist, weil man ihn nicht wissen lassen will, wo der ‚wahre Jakob’ ist. In Toulouse oder in Santiago. Beide Orte erheben Anspruch darauf.

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 Reliquienbrieflein mit Partikeln von Petrus und Paulus

Es ist eine mittelalterliche Pilgerfahrt, die nur zu bestehen ist, wenn man sich so wie Arnold klugerweise Kaufleuten anschließt. Die kennen die Wege, haben Geleitbriefe, beherrschen Sprachen und gewährleisten zudem Gesellschaft. Er ist also nicht alleine unterwegs. Dennoch darf man sein Unternehmen als Extremabenteuer und große Bewährungsprobe ansehen. So gerät sein Schiff zum Beispiel vor Rhodos in einen Seesturm, in Gaza verbringt er drei Wochen in Ketten, bei Burgos in Spanien wird er überfallen. Zwei Pilger seiner Gesellschaft werden erschlagen, ihm selbst und einem Begleiter gelingt die Flucht.

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Jakobsmuschel mit Döschen mit Erdprobe von Finisterre

Der Pilgerweg nach Santiago kommt in seinem Tagebuch eher knapp weg. Zum einen liegt das daran, dass Santiago damals nicht den Stellenwert hatte wie heute. Die vorrangigen Pilgerziele waren an erster Stelle Jerusalem, dann Rom. Zudem ist er womöglich schon etwas reisemüde und freut sich darauf, wieder nach Köln zu kommen, wo er den Heiligen Drei Königen für eine glückliche Heimkehr danken will.

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 Venezianischer Einkauf

Die Grevenbroicher Ausstellung macht mittelalterliches Pilgern sehr schön anschaulich. So erfährt man zum Beispiel von einer Einkaufsliste Arnold von Harffs in Venedig, wo er all die Dinge einkauft, die er für die Schiffsreise nach Kreta, Rhodos, Alexandria braucht.

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 Hühnerkorb

Ein ‚heidnisches Gewand’ zum Beispiel, zwei ‚Tönnchen’ mit italienischem Wein, eine Handschüssel zum Speien und Urinieren, einen Hühnerkorb, um Hühner kaufen und ‚frischhalten’ zu können und vieles, vieles mehr. Darüber führt er getreulich Tagebuch und listet alles auf. Auch hat er einen ‚Trutschelman’ dabei, einen Dolmetscher, damit er sich im ‚Heidenland’ gut verständigen kann.

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Mittelalterliche Kerzenuhr

Es ist eine Reise, die viel Mut abverlangt. Sie als ‚Extremabenteuer’ zu bezeichnen, ist nicht ganz richtig. Es ist eher eine existentielle Reise mit einem Aufbruch, dessen gutes Ende völlig ungewiß ist. Und natürlich ist es ein Unternehmen, das in seiner Art und zu dieser Zeit ziemlich einzigartig ist, obgleich auch damals schon ein gewisser Pilgertourismus vorhanden ist, vor allem auf der Strecke ins Heilige Land. Die venezianischen Behörden verdienten daran, das Mamlukenkonsulat in Kairo und auch die Franziskaner in Jerusalem. Es werden aber nicht viele gewesen sein, die eine solch ausgedehnte Reise unternahmen und dann auch noch der Nachwelt ein Pilgertagebuch hinterlassen konnten. Den Weg nach Santiago hat er übrigens von Jerusalem aus auf dem Landweg unternommen. Von Jerusalem nach Damaskus und Beirut, dann Konya und Konstantinopel und durch den Balkan nach Venedig. Über Nimes, Roncevalles und Burgos, also auf einer ‚klassischen’ Jakobsstrecke, erreicht er Santiago. Auch den Abstecher nach Finisterre lässt er nicht aus. Über Burgos, Bordeaux, Rennes, Paris und Brüssel geht es zurück nach Köln.

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 Reise-Sonnenuhr

Die Grevenbroicher Ausstellung, die ein Projekt der Heinrich Heine Universität Düsseldorf und der Stadt Grevenbroich ist, hat zahlreiche Kostbarkeiten zusammengetragen, die uns das Wesen des damaligen Pilgerns näher bringen. Wir sehen einen alten Pilgerpass, den ältesten erhaltenen Ablassbrief, Reisesonnenuhren, ein Reliquienbriefchen, einen Nagel vom Kreuz Christi, Jakobusstatuen, eine Baldachin-Reiseorgel und vieles, vieles mehr.

Unser Titelbild, der Blick durch die Sterne, ist ursprünglich nicht mit der Ausstellung verbunden und hat zunächst auch nichts mit Arnold von Harff zu tun. Dennoch schien der kolorierte Holzschnitt, der aus Camille Flammarions ‚Astronomie populaire’ stammt, bezeichnend für den rheinischen Ritter zu sein. Zum einen wird der Jakobsweg auch Sternenstraße genannt, dann ist sinnfällig dargestellt, wie jemand den Kreis seiner engen Umgebung durchstößt, um sich in ein neues, unbekanntes Universum zu wagen. Von daher ist Harffs Unternehmen zu rühmen, nicht weniger als all die Entdeckerfahrten, die zu seiner Zeit, einer Zeit des Auf- und Umbruchs beginnen. Daran auf seine Weise teilgenommen zu haben ist sein Verdienst. Vor allem auch muss man sich die Umstände mittelalterlichen Reisens vor Augen führen. Da gab es keine bequemen Straßen, keine Autopiloten.

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 Mittelalterliche Wanderschuhe

Die Wege waren kaum kenntlich, geschweige denn markiert. Es ging durch Wälder, über Bäche, reißende Ströme, über Pfade, die oft genug von Geröll und Lawinen verschüttet waren. Es gab Räuber und Piraten, Wegelagerer, gierige Zöllner und zweifelhafte Wirte. Und natürlich wilde Tiere und die Gefahren einer Natur, deren Unbillen man intensiv ausgesetzt war. Um so höher ist die Leistung des Arnold von Harff zu veranschlagen. Eine Ironie des Schicksals ist es, dass er sein gefährliches Abenteuer mit Bavour überstanden hat, dann aber zu Hause von einem frühen Tod heimgesucht wird. Da ist er gerade 35 Jahre. Sein Grab ist verschollen. Als Denkmal seines Lebens und seiner Reise befindet sich aber ein Grabstein in der katholischen Pfarrkirche zu Lövenich bei Erkelenz. Schön auch, dass man jetzt mit einer liebevoll gestalteten und höchst niveauvollen Ausstellung seiner gedachte.

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Arnold von Harff in Pilgertracht mit Wappen

Literatur:
Helmut Brall-Tuchel, Folker Reichert: Rom, Jerusalem, Santiago – das Pilgertagebuch des Ritters Arnold von Harff, Böhlau Verlag 2007 (nach dem Text der Ausgabe von Eberhard von Groote übersetzt, kommentiert und eingeleitet von Helmut Brall-Tuchel und Folker Reichert, mit den Abbildungen der Handschrift 268 der Benediktinerabtei Maria Laach und zahlreichen anderen Abbildungen)

botSPOT, 26. November 2007

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