Eine Jakobsweg-Route von Bottrop nach Roermond

von Rüdiger Schneider (Text und Fotos)

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Roermond - Kathedrale vom Marktplatz aus gesehen

Die Bottroper haben das Glück, auf einem landschaftlich attraktiven Wanderweg zu einem nahegelegenen Ort zu gelangen, der erst vor kurzem mit dem Netz der europäischen Jakobswege verknüpft worden ist. Von diesem Ort aus – es ist Orsoy am Rhein - kann man auf einer etwa fünftägigen Wanderung über Moers, Krefeld und Neuss nach Köln pilgern. Dieser Weg ist schon oder wird noch ausgeschildert. Es ist ein Projekt des LVR (Landschaftsverbandes Rheinland).

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Orsoy - Pilgerwegweiser beim Hochwasserschutztor

 

Denkbar aber ist von Orsoy aus nicht nur der Weg nach Köln, sondern auf einer Ost-West-Achse eine attraktive Route in das niederländische Roermond an der Maas. Pilger früherer Tage werden von Orsoy aus gerade auch dorthin gegangen sein.

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Reliquiar als Arm geformt - In ihm befindet sich ein Knochen
des rechten Unterarms. Das ‘os magnum bracchi S. Jacobi
Zebedaei Aposteli’ fehlt in der Reliquiensammlung von Santiago.

Warum Roermond? Es ist die Stadt, in der außerhalb von Santiago de Compostela die größte Reliquie des hl. Jakobus aufbewahrt wird. Sie befindet sich in der Jakobskapelle der Roermonder Kathedrale. Im Jahr 1441 wurde Roermond Hansestadt und mehr und mehr zur Drehscheibe von Handelszügen, in deren Gefolge sich auch die Pilger nach Santiago de Compostela befanden und in Roermond Station machten.

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Brücke in den Stadtteil St. Jakob

Über eine Brücke gelangten sie in die Voorstad St. Jakob, wo sie Herberge fanden. Allenthalben stößt man in der Stadt auf die Spuren und Zeugnisse einer intensiven Jakobusverehrung. Was Roermond weiterhin attraktiv macht, ist die einzigartige Atmosphäre auf dem Marktplatz an der Kathedrale. Er ist mit seinen Cafés, Restaurants und den schmucken Hausfassaden ein Kleinod und mit seinem quirligen Leben ein schönes Beispiel für die etwas andere Lebensart der Niederländer.

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Am Marktplatz in Roermond

 

Im Mittelalter dürften Pilger, die in Bottrop Zwischenstation gemacht hatten, auf einer Ost-West-Achse zu diesem für die Jakobusverehrung bedeutsamen Ort gewandert sein. In Bottrop gab es zu dieser Zeit schon die Kommende Welheim, eine Niederlassung des Deutschritterordens. Der Wahlspruch dieses Ordens lautete: ‚Helfen, wehren, heilen!’ Die Kommenden des Ordens waren begehrte und notwendige Anlaufpunkte für Jakobspilger. Das Pilgern damals war gefährlich. In der Kommende fand man Aufnahme und Schutz. Die Kommende lag unweit des Hellweges, der im Mittelalter die Route der Könige und Kaiser und die wichtigste Landverbindung der Hanse war. Hier strömten auch die Pilger Richtung Santiago. Essen war eine Station des Hellweges. Essener Schützen haben Pilger in die Kommende Welheim geleitet. Zum Dank dafür wurden sie über Jahrhunderte regelmäßig zur Bewirtung nach Welheim eingeladen.

Von Bottrop aus bot sich den Pilgern für den weiteren Weg Walsum an, das etwas nördlich von Duisburg gegenüber Orsoy liegt und schon im Mittelalter eine Fähre hatte, um auf der Ost-West-Route an die Maas den Rhein zu überqueren. Insbesondere auch empfahl sich Walsum, weil es hier seit dem Ende des 13. Jahrhunderts eine Kommende des Johanniterordens gab. Auch dieser Orden half den Pilgern und stellte sie unter besonderen Schutz. Um von Bottrop nach Walsum zu kommen, folgten die Pilger wahrscheinlich der Emscher, die bei Walsum in den Rhein mündet. Den Weg den Rotbach entlang, der auch bei Walsum in den Rhein mündet, werden sie seltener genommen haben.

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Fähre nach Orsoy am Abend

 

War man nach der Überquerung des Rheins in Orsoy angekommen, so hatte man eine bedeutende Station in einem Geflecht alter Handelswege erreicht, die gerade auch Venlo und Roermond mit einbezogen. Pilger konnten sich in Orsoy wieder Kaufmannszügen anschließen oder auch Trupps von Wanderkrämern, die mit Kiepe und Fuhrwerk unterwegs waren

 

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Römischer Votivstein (150 n.Chr.) in der St. Dionysiuskirche

 

Von Orsoy aus könnte die ost-westliche Pilgerroute an die Maas zum Beispiel über das Kloster Kamp nach Nieukerken geführt haben, wo die Dionysiuskirche einen Jakobusaltar besaß. Die Jakobusfigur ist auch heute noch vorhanden. Sie steht unter der Orgelbühne. Von Orsoy nach Nieukerken – der Name klingt holländisch, es ist aber ein deutscher Ort - sind es 25 bis 30 Kilometer. Für Pilger, die damals mit erstaunlicher Geschwindigkeit marschierten, war das eine Strecke von einem halben Tag. In Nieukerke konnten sich die Pilger einer besonders freundlichen Aufnahme sicher sein. Ebenso im nur zehn Kilometer entfernten Straelen, wo in der Kirche St. Peter und Paul eine Jakobsfigur mit dem typischen Santiago-Pilgerstab zu sehen ist.

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Rathaus in Venlo

Von Straelen nach Venlo waren es dann noch 13 Kilometer. Auch Venlo war eine Hansestadt und ein Ort der Jakobusverehrung. 1533 wurde hier eine Jakobskapelle gebaut und den Pilgern stand ein eigenes Gasthaus zur Verfügung. Nun waren es nur noch 27 Kilometer bis nach Roermond, wo sich eine besonders einflussreiche Jakobsbrüderschaft um die Pilger kümmerte.

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Auf der Rotbach-Route

Bottrop findet mit Orsoy den Einstiegspunkt zu einem europäischen Jakobsweg sozusagen vor der Haustür. Sehr zu empfehlen ist von Bottrop aus die Rotbach-Route, die durch Wälder und am Rotbach entlang führt, bis man dann durch Dinslaken kommend nach Alt-Walsum gelangt und zur pilgermäßig zünftigen Fähre nach Orsoy. Die Wanderstrecke von der Cyriakusglocke bis zur Fähre beträgt etwa 25 Kilometer.

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Cyriakus-Glocke am Bottroper Rathaus

Start in Bottrop war bei der Erprobung der vom RVR gut markierten Rotbach-Route die 1425 von Claes Haller gegossene Cyriakus-Glocke, die jetzt als sinnfälliges spätmittelalterliches Denkmal am Rathaus steht. Man weiß von diesem Wanderglockengießer bislang fast nichts, außer dass er mit der Cyriakus-Glocke ein Meisterstück gegossen hat. Vorbei am Josef Albers Museum Quadrat geht es nun in den Stadtwald und dann durch den Köllnischen Wald über Grafenmühle bis hin zum Rhein. Für Bottrop wäre die Rotbach-Route eine ideale Möglichkeit zur Anbindung an das Netz der europäischen Jakobswege.

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Jakobus-Statue in der St. Jakobs-Kapelle, Roermond

Nun ist zwar, was die Jakobus-Verehrung in Bottrop betrifft, die Quellenlage spärlich. Grund dafür dürften die verheerenden Religionskriege sein und natürlich auch die Bilderstürmerei des 16. Jahrhunderts, die mit der Vernichtung von Statuen, Altarbildern und auch Reliquien manche Pilgerroute in Vergessenheit geraten ließ. Und möglich, dass die Kommende selbst das Pilgerwesen ‚abgekühlt’ hat. Mit der Reformation war die Empörung über das Ablasswesen der Kirche immer größer geworden, die Heiligenverehrung wurde suspekt, und kein Geringerer als der Hochmeister des Deutschritterordens, Albrecht von Brandenburg, sympathisierte mit den gegen Ablass und Heiligenverehrung wetternden evangelischen Predigern und hatte ein offenes Ohr für sie. Das dürfte auch Auswirkungen auf die Kommende Welheim gehabt haben. Aber eben mit dieser Kommende Welheim besitzt Bottrop zumindest für die Zeit vor der Reformation einen nicht von der Hand zu weisenden Beleg, Pilgerstation gewesen zu

sein.

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Wegweiser in Roermond

 

Wie dem auch sei! Wer Freude am Jakobsweg hat, bedarf vor allem einer landschaftlich schönen Route, auf der auch Zeugnisse einer alten oder auch neu belebten Jakobusverehrung anzutreffen sind. Eine liniengetreue Nachführung eines früheren Pilgerweges ist dabei nicht möglich. Die Landschaft hat sich verändert, der Lauf der Flüsse oder Bäche ist ein anderer, ganze Gebiete sind zersiedelt. So kommt es also darauf an, einen Weg zu finden, der Landschaft und Pilgerkultur zu einem Gesamterlebnis werden lässt. Das ist auf der Strecke Bottrop – Walsum – Orsoy – Nieukerke - Straelen – Venlo - Roermond in einem hohen Maße gegeben.

Die hier veröffentlichten Fotos sind im Winter, im Februar, entstanden, als wir einzelne Orte und Abschnitte erkundeten. Im Sommer also wird eine solche Route noch schöner sein. Die Erprobung der Teilstrecke Orsoy-Straelen steht im Detail noch aus. Hier sind auch zahlreiche Varianten möglich. So etwa von Orsoy nach Rheinberg und dann die Fossa Eugeniana entlang über Rheurdt nach Nieukerke und Straelen. Über den Pilgerweg von Bottrop nach Roermond werden wir dann weiter berichten. Festzuhalten aber ist zunächst, dass Bottrop über einen attraktiven und gut beschilderten Wanderweg verfügt, der zu einem geschichtlich bedeutsamen Verbindungspunkt im Netz der europäischen Jakobswege führt.

botSPOT, 17. Februar 2008

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