Roncesvalles

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

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St. Jakobus-Kapelle in Roncesvalles,
rechts Kapelle des Heiligen Geistes

Als Hans Peter Kerkeling nach seiner ersten Tagesetappe von Saint-Jean-Pied-de-Port aus in Roncesvalles ankommt, ist er froh, es geschafft zu haben. Unterwegs war viel passiert. Regen, Nebel, ein kotzendes Schaf, eine nicht funktionierende Rolandsquelle, die das erfrischende Nass zunächst versagte. Und dann die körperliche Beschaffenheit! Alles tut weh nach dem ersten Pyrenäen-Rendezvous. Wie schön, wenn nun Roncesvalles auftaucht, im Süden des Ibañeta-Passes, auf der spanischen Seite. Sei gegrüßt, du holdes Tal! Hape Kerkeling aber ist eher enttäuscht von dem Ort und beschreibt ihn auch entsprechend.

„Das wuchtige Kloster von Roncesvalles, die offizielle Pilgerherberge, sieht aus wie eine verschlafene Dornröschenburg und ist drei Nummern zu groß für den bescheidenen Flecken. Der Ort scheint quasi jeden Moment von dem Konvent erdrückt zu werden.“

Nachdem er sich im Kloster den Pilgerstempel abgeholt hat, übernachtet er in einer kleinen Pension. Das war es dann auch mit der Beschreibung von Roncesvalles, abgesehen noch von der Maulaffäre mit dem baskischen Rentner, der ihm im Kloster den Stempel in den Pass drückt und sich beschwert, dass der Ankömmling nicht im Pilgersaal nächtigen will. Nicht, dass ich es darauf abgesehen habe, Kerkeling zu kritisieren. Das schöne Buch ist zu Recht ein Bestseller. Es ist excellent aufgebaut und geschrieben. Aber dieser eine Ort kommt einfach zu schlecht weg, und wer immer das Buch liest, könnte meinen und dazu verführt werden, dass sich ein Besuch von Roncesvalles nicht lohnt. So ist es aber nicht.

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Roncesvalles - St. Jakobus-Statue in der Marienkirche

Liest man andere Pilgerberichte, sind sie meist voll des Lobes über die Gastfreundschaft der Mönche, und das beginnt bereits im Codex Calixtinus aus dem 12. Jahrhundert.

Hymnisch wird es in einem Gedicht aus dem dreizehnten Jahrhundert. „Die Tür steht allen offen… in diesem Haus wäscht man den Armen die Füße … niemand verlässt diesen Ort, der nicht wieder gesund geworden wäre.“

Lobend äußert sich auch Arnold von Harff, jener rheinische Ritter, der Ende des 15. Jahrhunderts vorbeikam. Er schreibt in seinem Pilgertagebuch: „Von Saint-Jean-Pied-de Port nach Burguete 5 Lieux [spanisches Längenmaß, ca. 5,5 Kilometer], zogen wir den Berg Roncesvalles hinauf. Burguete ist eine kleine Freiheit, die auf dem Berg Roncesvalles liegt, und erst nahe bei Burguete zogen wir durch ein schönes Kloster, eine große Abtei, wo der Abt ein aufwändiges Hospital für arme Leute und Pilger unterhält.“

Sicher, unter den Pilgerberichten gibt es auch kritische Stimmen. Es gab Zeiten, da hatte die Hospitalitas aufgrund politischer Unruhen gelitten. Aber der Schönheit des Ortes selbst tut das keinen Abbruch. Und das Kloster erdrückt auch nicht den Ort. Der Ort besteht im Wesentlichen aus dem Kloster. Und die St. Jakobus Kapelle mit der Glocke, die vorher in der ehemaligen St.-Salvator-Kapelle auf dem Ibañeta-Pass hing und verirrten Pilgern den Weg wies, ist ein Kleinod der Pyrenäen. Das ganze Tal von Roncesvalles strahlt Ruhe, Gelassenheit, Schönheit aus. Es ist ein besonderer Ort, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Im Kloster selbst sind kostbare Kunstschätze zu besichtigen, unter anderem ein Schachspiel Karls des Großen. Wobei es sich allerdings nicht um ein wirkliches Schachspiel handelt, sondern um ein mit Emaille-Mosaiken besetztes Reliquiar. 

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Monument der Schlacht von Roncesvalles (Detail)

Roncesvalles ist ein von Legenden umrankter Ort. Die Geschichte von Roland, seinem Horn Olifant und dem Schwert Durendal ist bekannt. Sie fehlt in keinem mittelalterlichen Sagenschatz, wo sie heroisch aufbereitet ist. Die historische Wirklichkeit wird anders ausgesehen haben. Schön auch die Legende, die sich um die Statue ‚Unserer lieben Frau von Roncesvalles’ rankt. Die Statue befindet sich in der Marienkirche, einer dreischiffigen Basilika.

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Marienstatue

Der Legende nach wurden im zehnten Jahrhundert Schäfer von einem Hirsch zu einer Quelle geführt, aus der eine geheimnisvolle Musik erklang. Der Vorgang wiederholt sich einige Male, wird dem Bischof von Pamplona zugetragen. Der glaubt es zunächst nicht, lässt dann aber, nachdem ihn ein Traum heimgesucht hat, an der Quelle graben. Man findet die Statue. Die Statue, die man heute in der Kirche findet, ist allerdings 300 Jahre später in Toulouse geschaffen worden. Aber was soll’s.

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Glocke der St. Jakobus-Kapelle

Solche Geschichten sind schön, tragen zur Atmosphäre eines Ortes bei. Mir hat Roncesvalles ausnehmend gut gefallen. Als ich an einem späten Dezembernachmittag ankam, überflutete die Sonne das Tal. In der Nacht standen die Sterne klar am Himmel und am Morgen glitzerte der Rauhreif. Roncesvalles ist ein Ort, der seine eigene, eigentümliche und besondere Atmosphäre hat. Begründet ist sie in der Schönheit der Umgebung, der historischen Tradition und eben auch im Sinn des Jakobsweges. Man sollte sich von Kerkelings Beschreibung nicht verleiten lassen.

botSPOT, 18. März 2008

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