‚Der Weg ist das Ziel’
Von Coesfeld nach Santiago de Compostela
Pilgerbericht von Pfarrer Dieter Frintrop Seite

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Pilgerkleidung (Aufnahme aus Puente la Reina)
Foto: BOT.spot

 

Und tatsächlich: Am 6. Juni 1985 starteten wir wiederum mit einer Gruppe von 12 Personen – davon die Hälfte aus Coesfeld – zur Fortsetzung unserer Pilgerwanderung auf dem Jakobusweg durch Frankreich in Richtung Pyrenäen. Jetzt stand die Etappe Moissac – Roncesvalles (span.-franz. Grenze) auf dem Programm. In 17 Pilgertagen legten wir rd. 370 km zurück. Schwierig war eigentlich immer, täglich wenigstens ein Auto zum Tagesziel zu fahren, um dann am Abend – nach manchmal kräftezehrender Wanderung – mit dem Auto wieder zum Startort zurückzufahren, um die anderen Autos nachzuholen. Jeden Tag dieselbe Prozedur! Aber was tut man nicht alles, um zum Grab des Apostels Jakobus zu kommen?! Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, daß die Hälfte unserer Gruppe mit Campingwagen unterwegs war. Nicht selten lagen Hotel und Campingplatz mehr als 50 km auseinander. So war abends unsere Gruppe selten zusammen. Da war jedenfalls genaue Tagesplanung angesagt. Kleine Unfälle mit Verletzungen oder einfach Erschöpfungen einiger Pilger warfen manche Absprachen ‚über den Haufen’. Aber als ‚fromme Pilger’ überwanden wir die vielen Schwierigkeiten.

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Einstieg in die Pyrenäen - hier am Somport-Pass
Foto: BOT.spot

 

Es gibt 4 Haupt-Pilgerrouten durch Frankreich gen Santiago. Drei davon vereinen sich in Ostabat, nahe den Pyrenäen, um von hier aus vereint nach Spanien zu führen. Auch unsere ‚via podiensis’ (von Le Puy aus) gehört dazu. Der Aufstieg in die hohen Berge der Pyrenäen war mühsam und beschwerlich. Wieviel Gebete, aber auch Flüche mögen hier im Mittelalter von den Pilgern bei Schnee, Regen oder Nebel gen Himmel geschickt worden sein! Wir erreichten frohgemut die Höhe des Ibaneta-Passes und nach einigen Stunden unser diesjähriges Etappenziel: Das Kloster Roncesvalles. Wir waren damit schon im ‚Lande des Apostels’, in Spanien. In der Kloster-Kirche feierten wir den Abschlußgottesdienst und vereinbarten: „1987 gehen wir eine weitere Etappe, um nun bald das Ziel unserer Sehnsucht, Santiago, zu erreichen!“

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Brücke in den Pyrenäen
Foto: iStockphoto.com/photmaniac

 

Zu unserer vorletzten Etappe starteten wir – wie abgesprochen – mit 13 Pilgern – darunter 3 aus Coesfeld – am 21. Juli 1987 in Roncesvalles. In der Pilgermesse empfingen wir unsere Pilger-Muschel, die sich jeder umhängte und die uns unterwegs als Jakobspilger auswies, die uns aber auch an Wasserquellen als Schöpfgefäß diente. Wegen der Morgenfrühe zog jeder seine ‚Jacke’ oder sein ‚Jackett’ an, was nichts anderes heißt als sein ‚Jakobus-Gewand’. Vor der Klosterkirche sangen wir den vierstimmigen Kanon „Bruder Jakob, schläfst du noch?“, ein Lied, das vor vielen hundert Jahren auf dem Jakobsweg entstanden war. Jeder erhielt ein Pilgerbuch, in das wir uns die Stempel der Kirchen und Kapellen drücken ließen, die wir unterwegs aufsuchten. Da manche Kirche verschlossen war, gingen wir zum Bürgermeister der jeweiligen Ortschaft und ließen uns von ihm ‚per Stempel’ bescheinigen, daß wir als ‚fromme Pilger zum Grab des Apostels unterwegs’ waren.

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Jakobus-Kapelle in Roncesvalles
Foto: BOT.spot

Nun merkten wir, daß wir ‚dem Jakobus immer näher kamen’. Schon an der spanischen Grenze begrüßte uns ein großes Schild mit der Aufschrift ‚Camino de Santiago’. Wir waren also auf dem richtigen Weg. Dann stand auf dem Schild der Name des Ortes ‚Roncesvalles’ mit Angaben über das Kloster. Hier konnten wir also Pause machen und uns erholen. Unten auf der Tafel aber stand es ganz dick: ‚Santiago de Compostela 787 km!’ Also: „Ultreja! Aufwärts, Kameraden! Der Weg ist noch weit!“ Solche Schilder mit jeweils konkreten Orts- und Kilometerangaben trafen wir vor fast jedem Ort. Sagt uns das nicht auch etwas über unseren irdischen Pilgerweg? Sind wir auf dem ‚richtigen Weg’ in unserem Leben? Immer wieder dürfen wir auch ‚Raststätten’ einlegen, aber wichtig ist: Stets müssen wir zum ‚Aufbruch’ bereit sein, denn ‚wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.’

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Jakobus-Statue (gotisches Schnitzerwerk) in
der Kirche Santiago el Mayor, Puente la Reina
Foto: BOT.spot

 

In Pamplona wurde unser Auto aufgebrochen. Wir standen etwa 20 m daneben. Blitzschnell entwischte der Einbrecher und Dieb. Er entwendete eine kleine Ledertasche vom Beifahrersitz. Sicherlich für ihn eine große Enttäuschung bei näherer Besichtigung der Beute: In der Tasche waren 4 Tabakspfeifen!

In Puente la Reina vereinen sich die beiden Pilgerwege, die über die Pyrenäen führen. Ab jetzt gibt es nur noch den einen Pilgerweg, den ‚Camino de Santiago’. In Estella wurden wir am Jakobus-Tag (25.7.) von einem Förderer des Jakobsweges zum Festessen eingeladen. Unser einziges Problem: Ab 15.30 Uhr am Nachmittag mußten wir – durch Rioja-Wein etwas leicht beschwingt – noch die ganze Tages-Etappe von 18 km nach Los Arcos zurücklegen.

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Blick über Estella mit der Kirche San Juan Bautista
Foto: BOT.spot

 

In der Nähe von Logrono liegen auf einem Berg die Ruinen von Clavijo. Dort steht das sogenannte ‚Jakobus-Kreuz’ auf einem Felsvorsprung und ist von weither zu sehen. Im Jahre 844 soll Jakobus vom Himmel her auf einem weißen Pferd reitend entscheidend in den Kampf der Christen gegen die Mauren (Moslems) eingegriffen haben. Er soll eine weiße Fahne mit jenem ‚Jakobus-Kreuz’ in Händen gehalten haben. Seither tragen dieses Kreuz die Jakobus-Brüder, die für Schutz und Sicherheit der Pilger zu sorgen hatten.

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Santo Domingo de Calzada
Foto: iStockphoto.com/Natalie24

 

In Santo Domingo de Calzada erlebten wir ein kleines ‚Hühner-Wunder’. Seit Jahrhunderten befindet sich in der Jakobus-Kirche ein Hühner-Stall mit einer weißen Henne und einem weißen Hahn. Sie erinnern an einen Pilger, der wegen eines vermeintlichen Diebstahls gehängt, aber Wochen später noch lebend am Galgen gefunden wurde, weil St. Jakobus ihn getragen hatte. Der Richter wurde gebeten, den Gehängten freizugeben. Der aber sagte: „Der ist so tot wie die Hühner, die ich gerade verspeise.“ Im gleichen Augenblick hätten die gebratenen Hühner Flügel bekommen und seien davongeflogen. Der Richter überzeugte sich, daß der Verurteilte noch lebte und ließ ihn frei.

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Kathedrale von Burgos
Foto: iStockphoto.com/swissai
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Eine besondere Station entlang des spanischen Jakobusweges ist Burgos. Hier haben wir einen Ruhetag eingelegt, um vor allem ein bedeutendes Baudenkmal der Gotik Spaniens zu besichtigen: die Kathedrale. Ein Abstecher führte uns zum Benediktiner-Kloster Santo Domingo de Silos. In dem berühmten Kreuzgang besichtigten wir ein über 800 Jahre altes Relief: ‚Jesus und die Emmaus-Jünger’. Jesus ist dort als Jakobus-Pilger mit Muschel und Pilgertasche dargestellt. Alle im Kloster vorhandenen Postkarten mit diesem Motiv habe ich aufgekauft. Eine davon schickte ich an unseren Bischof Reinhard Lettmann mit dem Vermerk: „Wie jubelt ein Jakobus-Pastor, wenn er selbst Jesus als Jakobus-Pilger entdeckt!“ In der Klause Miraflores bei Burgos ist auf einem gotischen Schnitzaltar das Letzte Abendmahl dargestellt. Von allen zwölf Aposteln ist nur Jakobus als einziger mit seinem Erkennungszeichen auszumachen, nämlich mit der Muschel vor dem Hut.

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Weizenfeld in der Meseta
© AVTG (BOT.spot-Lizenz)

 

Die Strapazen nahmen zu beim Wandern durch die spanische Meseta, eine Hochebene, fast ausschließlich mit Weizenfeldern bedeckt. Unerbittlich brannte die Sonne. Selten ein schattenspendender Strauch oder Baum. An jeder Wasserstelle mußte ‚getankt’ werden. Dennoch war unsere Stimmung gut. In Fromista besuchten wir die Kirche St. Martin. Sie ist wohl die am besten restaurierte Kirche entlang des Pilgerweges. Leider wird sie heute nur noch als Museum benutzt.

In Sahagun beendeten wir die diesjährige Etappe nach 19 Pilgertagen mit 400 km und feierten den Dank- und Abschlußgottesdienst in der Kirche ‚La Peregrina’. Hier wird die Gottesmutter als ‚Pilgerin’ besonders verehrt. Beim festlichen Mahl mit selbstgedichteten Pilger-Songs wurde beschlossen: „1988 schaffen wir das Ziel: Santiago!“

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'Bilder eines Weges - Begegnungen und Erfahrungen'
Vortragsreihe Bernd Koldewey/Rüdiger Schneider

www.jakobus-wege.de