Toulouse und die Via Tolosana


von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

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Das Capitole: Rathaus und Oper zugleich

Wer Toulouse zum ersten Mal besucht, dem wird nicht nur der rosa-rötliche Farbton der Gebäude auffallen, sondern auch eine überraschende Zweisprachigkeit auf den Schildern. Neben den Hinweisen auf Französisch gibt es auch die in Okzitanisch. Man könnte zunächst eine separatistische Nationalbewegung ähnlich der im spanischen Baskenland vermuten, aber es handelt sich hier eher um eine Rückbesinnung auf alte kulturelle Wurzeln. Früher einmal spielte Toulouse oder auch Tolosa eine eigenständige Rolle, war Hauptstadt der autonomen Grafschaft Languedoc und Hochburg mittelalterlicher südeuropäischer Kultur, die älter war als die französische. Im Jahr 1270, beim Kreuzzug gegen die Katharer, war es dann mit der Eigenständigkeit vorbei. Toulouse wurde der französischen Krone unterworfen. Okzitanisch, die alte Sprache, spielt aber immer noch eine große Rolle, ist Ausdruck von Individualität und mag sogar gewisse romantisch-kulturelle Züge haben.

Auffallend in der ‘Ville rose’, wie die Stadt an der Garonne auch genannt wird, sind ebenso die zahlreichen patrizischen Prachtbauten. Sie verdanken sich einer Zeit, als für Toulouse der Handel mit Pastellfarben eine Quelle des Wohlstands war, bis dann Ende des 16. Jahrhunderts diese Ära beendet war. Das billigere Indigo verdrängte die Pastellfarben. Heute sind für Toulouse die wichtigsten Wirtschaftszweige der Airbus, die Europarakete Ariane und die Mikrochip-Technologie.

Soviel zu einigen Daten der Vergangenheit und der Gegenwart.

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Die Basilika St. Sernin

Ich besuche an einem warmen, sonnigen Samstag vor Ostern die Basilika St. Sernin. Sernin ist der okzitanische Name für Saturnin, den ersten Bischof von Toulouse. Der hatte sich um 250 unter Kaiser Decius geweigert, an einer heidnischen Opferfeier teilzunehmen und war dafür von einem Opferstier zu Tode geschleift worden. Über dem Grab des Märtyrers wurde zuerst eine kleine Kirche errichtet, später dann, ab 1100, die große romanische Basilika St. Sernin.

Es sind an diesem Samstagnachmittag nicht besonders viele Besucher in der Basilika. Das war früher einmal anders. Im Mittelalter war Toulouse aufs Engste und Bedeutsamste mit dem Jakobsweg verbunden. Wahre Pilgerströme müssen es gewesen sein, die auf der sogenannten Via Tolosana in die Stadt kamen, sich in der Basilika versammelten, um dann auf die Pyrenäen zuzugehen, zum Somport-Paß. Die Via Tolosana beginnt in Arles. Sie ist der Weg nach Santiago für Schweizer, Italiener, Südfranzosen, wird aber auch in der Gegenrichtung nach Rom gegangen.

Es hatte etwas Besonderes auf sich mit der Basilika St. Sernin. Sie wurde zur ersten großen Pilgerkirche der Christenheit. An fünf Kirchenschiffen vorbei konnten die Pilger direkt zur Krypta mit den Reliquien gehen, die Reliquien berühren, Kraft schöpfen für den beschwerlichen und gefährlichen Weg über die Pyrenäen.

Eine Reliquie in St. Sernin war der Legende nach eine ganz besondere. In St. Sernin sollen sich nämlich, von Karl dem Großen gestiftet, die sterblichen Überreste des Heiligen Jakobus befinden. Also überraschenderweise nicht in Santiago de Compostela. Was natürlich zu einem großen Streit zwischen dem Bischof von Santiago und dem von Toulouse führte. Und auch zu dem bekannten Ausspruch: “Das kann doch nicht der wahre Jakob sein!” Wie dem auch sei. Für beide Orte erhöhten sich Bedeutung und Attraktivität und führten zu touristischem Aufschwung. Heute ist St. Sernin immer noch die größte Reliquienschatzkammer Frankreichs. 175 Reliquien von Heiligen sind hier aufbewahrt.

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Jakobsmuschel im Garten des Hôtel Dieu

Nach dem Besuch von St. Sernin überquere ich die Garonne und komme zum Garten des Hôtel Dieu Saint Jacques. Der Circumflex über dem o kennzeichnet ein ausgefallenes s. Es ist ein ‘hostel’, ein Hospiz, das in früheren Zeiten den Pilgern zur Pflege und Beherbergung diente. Im Garten des Hôtel Dieu befindet sich die größte Jakobsmuschel der Welt. Etwa fünf Meter Durchmesser hat sie und thront wuchtig in einer kleinen parkähnlichen Gartenanlage.

Toulouse ist eine lebendige, pulsierende Stadt. Bei strahlendem Sonnenschein erfahre ich die vorbildliche französische ‘Caféhaus-Kultur’. Man sitzt zwanglos überall draußen. Gibt es keine Tische mehr, dann genügt eben der Straßenrand oder ein kleiner Streifen Rasen.

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Drehorgelspieler sorgen für musikalische Unterhaltung, Musikbands improvisieren und verführen zu Tanzeinlagen, zwischen Brot, Gemüse, Blumen, Käse und afrikanischen Souvenirs werden zappelnde Hühner verkauft.

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Wäre man an diesem klaren Sonnentag auf einem Gebäude, das hoch genug ist, könnte man in der Ferne die Silhouette der Pyrenäen sehen. Von Toulouse aus, auf der Via Tolosana, sind die Pilgerströme damals weitergezogen in den gefährlichsten Teil der Pilgerschaft, in die Pyrenäen hinein nach Oloron-Ste-Marie und dann zum Somport-Paß. Diesen Ort zu besuchen, um einen Eindruck zu bekommen von den Pyrenäen, nehme ich mir für den nächsten vor. Die Via Tolosana ist der südlichste der französischen Jakobswege. Bernd Koldewey, der unterwegs ist , wird weiter westlich gehen, auf der Via Podiensis, die bei St. Jean Pied de Port in die Pyrenäen führt. 

Toulouse, 9.4. 2007

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