Vézelay - Geschichte und Geschichten

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

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Der Ort ist schön, und er atmet Geschichte. Vézelay mit seinen 500 Einwohnern liegt weithin sichtbar auf einer Anhöhe etwa 100 Kilometer westlich von Dijon in der Region Burgund. Hierhin kam im Mittelalter Richard Löwenherz, um zusammen mit dem französischen König zum Kreuzzug aufzubrechen. Hier sprach Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury, den Bannfluch über den englischen König. Und hierhin, zur Wallfahrtskirche Sainte-Marie-Madelaine kamen die zahlreichen Pilger auf dem Weg ins spanische Santiago de Compostela.

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Die Kirche Sainte-Marie-Madelaine besaß Reliquien der Maria Magdalena. Als später aber die angeblich echten Gebeine in der Provence entdeckt wurden, verlor der Ort als Wallfahrtsziel an Bedeutung. Vézelays Magdalenenreliquien gingen bei der protestantischen Bilderstürmerei verloren. Später, 1870, wurden neue Reliquien eingesetzt. Der Strom der Pilger nahm wieder zu.

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Kaum eine biblische Figur hat eine so große Resonanz in der Literatur gefunden wie Maria Magdalena. Von Mythen und Legenden umrankt forderte sie zur romanhaften Bearbeitung heraus. War sie nun im Sinne einer Geliebten die Gefährtin von Jesus oder war sie es nicht? Die erzählerischen Antworten fallen unterschiedlich aus. Die Evangelien liefern für die These, sie sei die Frau von Jesus gewesen, keine Belege.

Was die literarische Bearbeitung der Magdalena-Figur betrifft, ist ein Roman besonders hervorzuheben: Luise Rinsers ‚Mirjam’. „Hier bringt eine Frau die versteinerte Männerwelt um Jesus zum Tanzen!“ schreibt Franz Alt in einer Rezension in ‘Die Zeit’.

Sich an einem solchen Ort der intensiven erzählerischen Fiktion des Romanbeginns zu erinnern, bewirkt eine besondere Verbundenheit. “Maria Magdalena nennt ihr mich. Ihr sollt mich bei meinem richtigen Namen nennen: Mirjam. In Aramäisch, meiner Muttersprache, bedeutet Mirjam: die Schöne und auch die Bittere.”

Die spekulative Frage “War Magdalena Jesus’ Frau?” beantwortet Rinser mit ‘Nein’. Als von einem Hirten die Rede ist, der Mirja in einer Höhle versorgt, in die sie sich verkrochen hat, heißt es: “... denn ich [Mirja] erzählte ihm [dem Hirten] viel von Jeschua, für dessen Witwe er mich hielt, und ich ließ ihn in diesem Glauben.”

Klug und aufrüttelnd, was das übliche Magdalenenbild betrifft, lässt Rinser Mirjam fragen und feststellen: “Was wißt ihr von mir? Ihr wißt, was ein paar Männer berichteten, die viel später aufschrieben, was sie hatten sagen hören über die Frau, die ich war. Eine Sünderin sei ich gewesen. So redete es einer dem anderen nach. Was ihr damit meint, das ist klar. Redet ihr von einer Sünderin, so meint ihr eine Ehebrecherin oder eine Hure. Ich war nicht das eine, nicht das andre. Wie denn kam dieses Bild in die Geschichte?”

Dieser Roman, der in einem historischen Gewand daherkommt, ist ein emanzipatorischer Roman par excellence. Er zeichnet das sympathische Bild einer Rebellin, wie Magdalena offensichtlich eine war.

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Es ist ein schöner, klarer, winterlicher Abendhimmel an einem Januarabend 2008. Der Ort ist still, nicht von Touristenströmen durchzogen, wie es zu anderen Jahreszeiten sein wird. In der Kirche Sainte-Marie-Madelaine, die noch geöffnet ist, kommt es an diesem Abend zu einem besonderen musikalischen Erlebnis.

Unter den romanischen Rundbögen der Basilika entlockt eine junge Frau den Saiten ihres Streichpsalters leise Klangfolgen. Sie gehört zu einer Gruppe, die mit alten Instrumenten die Akustik sakraler Räume erprobt. Unwillkürlich, also ohne eine absichtliche Assoziation oder einen gesuchten Vergleich stellt sich bei mir eine Visualisierung der Töne ein, eine seltsame Interferenz von Hören und Sehen. Es ist, als lösten sich von den Saiten des Psalters Schwingen, die durch das Bauwerk schweben.

Der Ort ist schön. Er atmet Geschichte und Geschichten. Als Station auf dem Weg nach Santiago ist er einer der Höhepunkte.

botSPOT, 21. Februar 200

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