Narrative Schlaglichter auf die Schattenfiguren der Gesellschaft

von Kristin Dowe

 

Diesmal hat Clemens Meyer es geschafft: der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik geht an „Die Nacht, die Lichter“, eine Sammlung atmosphärischer Kurzgeschichten über all jene, die rastlos auf der Suche sind; sei es nach der Liebe, nach dem großen Glück oder nach einem Sinn in der all zu oft erfahrenen Absurdität des Lebens.
Nachdem Meyer 2006 mit seinem Debütroman „Als wir träumten“ bereits einmal für den mit 15.000 Euro dotierten Preis nominiert war, aber dennoch leer ausging, hat er nun, selbst ein Leipziger Urgestein, den literarischen Ritterschlag seiner Heimat erhalten. Für Meyer ist es sicherlich nicht irgendein Literaturpreis, denn seine Geschichten leben vor allem von ihrem ausgeprägten Lokalkolorit und der spürbaren Milieukenntnis ihres Autors. Dieser verstellt sich nicht, schreibt nur über das, was er wirklich kennt. Vielleicht würde er noch heute, wie in seiner Jugend, auf Leipzigs Baustellen „schaffen gehen“, wenn Rückenprobleme dies nicht irgendwann verhindert und ihn zu seinem eigentlichen Metier geführt hätten – der Literatur.
Meyers Helden sind gesellschaftliche Underdogs mit brüchigen Biographien, die hungrig nach Leben gieren, sich dabei im Kreis drehen und mitunter die Schönheit des Scheiterns zelebrieren. Die Geschichten erscheinen hierbei wie zufällige Momentaufnahmen eines Lebens, da sie genretypisch abrupt enden und Meyer auf griffige Schlusspointen und plakative Aha-Effekte weitgehend verzichtet.
Stilistisch schlicht und schnörkellos entspricht die Sprache den bodenständig-soliden Charakteren, über die sie erzählt. Zwar sind die einzelnen Handlungsstränge nicht sonderlich spektakulär, was sie auch gar nicht sein wollen; vielmehr repräsentieren die Ereignisse die kleine Welt der Protagonisten mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten, aber auch mit ihren kleinen Glücksmomenten, für die sich am Ende doch alles gelohnt hat.
Da entwickeln sich inmitten von Gabelstaplern und den grauen Gängen einer Lagerhalle zarte Bande zwischen dem „Langen“ aus der Warenverräumung / Nacht und der patenten Mittdreißigerin aus Feinkost und Tiefkühl, da verwettet ein Arbeitsloser seinen letzten Penny beim Pferderennen, um die rettende Operation für seinen kranken Hund zu finanzieren, oder ein frisch entlassener Häftling macht mit der Dummheit anderer das große Geld, indem er Kopfschmerztabletten als teure Lifestyle-Drogen verschachert. Wieder ein anderer träumt vom Fernweh und der glutroten Abendsonne auf Kuba und kehrt doch jeden Abend in die spartanische Wohnung in seiner alten Siedlung zurück, auf die grellen Neonlichter einer Tankstelle blickend.
Die Wege der Figuren kreuzen und trennen sich und die Geschichten ticken scheinbar zeitlos vor sich hin; dabei sind Züge und Bahnhöfe häufig Schauplatz des Geschehens und stellen symbolisch Energiezentren dar, Orte der Bewegung und des steten Kommens und Gehens.
Meister der leisen Zwischentöne, lässt Meyer vieles unausgesprochen und schafft auf diese Weise semantische Leerstellen, die der Leser deutend füllen muss. Somit wirkt jede der Geschichten zuweilen wunderbar rätselhaft und birgt noch ein paar Geheimnisse. Dabei sind es eher die kleinen, beiläufigen Gesten, die in ihrer differenzierten Beschreibung erzähltechnisch an Gewicht gewinnen, durch die Stimmungen transportiert werden und die Geschichten in ihrem Grundton stets von zarter Melancholie umflossen erscheinen lassen.
Und immer sieht man die Lichter der Stadt hindurchschimmern, wenn die ruhelosen Nachtschwärmer auf Streifzug gehen, bereit zum endlosen Reigen flüchtiger Begegnungen. Soziale Probleme wie die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland oder die Landflucht und Überalterung in dörflichen Gegenden sind hierbei die Kulisse der Geschichten, jedoch niemals ihr eigentliches Thema. Meyer richtet den Fokus mikroskopisch ganz auf seine liebevoll ausgearbeiteten Figuren, die Tagelöhner und Herumtreiber, die sonst selten gefragt werden, wie es ihnen geht. Dabei beherrscht er die Kunst, auf den wenigen Seiten einer Kurzgeschichte profilierte und vielschichtige Charaktere zu entwickeln, die von einer tiefen Sympathie für die so genannten „einfachen Leute“ zeugen.
Gefühlvoll, doch weit entfernt vom Kitsch, sind die sechzehn Geschichten vergleichbar mit ungeschliffenen Diamanten, die ihre eigenwillige Schönheit zuweilen erst beim zweiten Lesen entfalten und die man sich auch ein Stück weit erarbeiten muss.
„Ich will Geschichten schreiben, die leuchten“, sagt Meyer von sich selbst. Mit „Die Nacht, die Lichter“ ist er diesem Anspruch sicherlich gerecht geworden. Besonders geeignet ist die Lektüre für lange Kaminabende oder Nächte, in denen der Leser sich ebenso schlaflos findet wie die Menschen in diesem Buch.

Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter, S. Fischer Verlag 18.90 Euro

botSPOT 29. April 2008

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