Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe

von Karin Bucconi


“Liebe verlangt nach Besitz, weiß aber nicht, was Besitz
ist. Wenn ich nicht mein bin, wie kann ich dann dein
sein oder du mein? Wenn ich mein eigenes Wesen nicht
besitze, wie kann ich dann ein fremdes Wesen besitzen?
Wenn ich mich bereits von dem unterscheide, mit dem
ich übereinstimme, wie kann ich da mit dem überein-
stimmen, von dem ich mich unterscheide?
Die Liebe ist ein Mystizismus, der in die Tat umge-
setzt werden möchte, eine Unmöglichkeit, die unsere
Träume möglich zu machen versucht…”

Solche und Hunderte andere tiefsinnige Gedanken denkt der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, das Alter Ego des großen portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa. Bernardo ist Hilfsbuchhalter in einem Kontor. Jeden Morgen verlässt er seine bescheidene Wohnung und läuft durch die schnurgeraden Straßen der Unterstadt von Lissabon zu seinem Arbeitsplatz. Er betritt sein Büro, begibt sich an sein Stehpult und trägt Tag für Tag in Schönschrift Zahlenkolonnen ins Hauptbuch ein. Dabei stellt er sich vor, wie viel Schöngeistiges zwischen ihnen Platz hätte.

Bernardo Soares ist ein unauffälliger Mann in mittleren Jahren, der sein Auskommen hat. Seine einzige Leidenschaft ist die Liebe zur Literatur. Er hasst das Büro, weil es ihn vom Schreiben abhält, er liebt es, weil er sich hier sicher fühlt vor seinen ungewöhnlichen Träumen und Phantasien. Die immer gleichen Gesichter und die Stille des Raums vermitteln diesem unruhigen Geist so etwas wie Ruhe…

Der Dichter selbst arbeitete als Handelskorrespondent. Er lebte bescheiden und zurückgezogen, nutzte jede freie Minute zum Schreiben. Zu Lebzeiten war er nur von wenigen Freunden als Dichter geschätzt und anerkannt. Die meisten seiner Manuskripte landeten unveröffentlicht in einer Truhe. Als er 1935 starb, umfasste sein Werk über 24.000 Fragmente. Lange nach seinem Tod wurde besagte Truhe gefunden und ihr Inhalt zum Teil veröffentlicht.

‘Das Buch der Unruhe’ entstand zwischen 1913 und 1934. Es ist kein Roman im üblichen Sinn, sondern setzt sich aus Gedankensplittern, Prosafragmenten und Aphorismen zusammen. Es ist ein Schreib- und Denktagebuch. Pessoa schlüpfte darin in die Häute seiner Protagonisten, was ihm ermöglichte, völlig konträre Sichtweisen zu vermitteln. Er sah sich als „Nervenmaschine“, die wie ein Seismograph auch die feinsten Empfindungen registrieren und mitteilen wollte. Nie war er ein sanfter Erzähler, immer ein nüchterner Beobachter.

Ein Buch, das zum Wegbegleiter wird, das beunruhigt und zugleich fasziniert. Ein Buch für ein ganzes Leben.

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Amman-Verlag, 19.50 €

<< zurück

Anzeige:
bottrop-DVD - Die Zukunft hat Vergangenheit
Bottrop - Die Zukunft hat Vergangenheit.
Ein interaktive Video-DVD. Weitere Infos:
www.video-on-stage.de