Ballonfahrt über Bottrop – oder wie man adelig wird

von Luftgraf Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

Ballon Innenansicht

Wenn der Autor des Artikels sich hier ‚Luftgraf’ nennt, so stimmt diese Bezeichnung in dem vorliegenden Zusammenhang. Denn wer einmal mit dem Ballon gefahren ist, wird nach der Landung in den Adelsstand erhoben. Die schöne Sitte, nach einer Fahrt blaublütig zu werden, geht zurück auf den französischen König Ludwig XVI., der verfügte, dass nur der Adel sich dem Ballon anvertrauen dürfe. Ursprünglich - die Brüder Montgolfier hatten gerade das schwebende ‚Gerät’ erfunden - waren für die erste Fahrt zwei dem Tode geweihte Gefängnisinsassen vorgesehen. Was jedoch am Veto des Adels scheiterte. Denn der mochte nicht leiden, dass sich Sträflinge im wörtlichen Sinne über ihn erheben sollten. Nachdem nun ein Huhn, ein Hammel und eine Ente einen Probeflug überlebt hatten, stiegen als erste menschliche Luftfahrer Pilatre de Rozier und der Marquis d’Arlandes am 21.11.1783 in den Korb. Soviel zu dieser Vorgeschichte.

Ballon wird mit Luft aufgebläht

Zweihundertvierundzwanzig Jahre später haben auch wir dieses schöne Erlebnis. Die Wetterbedingungen sind gut. Mäßiger Wind und vor allem keine Gewitterfront in Aussicht. Gerade ein Gewitter fürchten die Ballonfahrer mehr als den Teufel. Mit einem Flugzeug könnte man solch eine Front umfliegen. Der Ballon aber würde durch die dann vorherrschende Thermik in das Unheil hineingezogen.

Dann treten die Brenner in Aktion.

Verabredet sind wir mit Peter Herrmann aus Essen. Er ist ein erfahrener, gestandener Pilot, hat schon über tausend Fahrten hinter sich und fährt nur dann, wenn die Wetterbedingungen absolut sicher sind. Kein Grund also zur Nervosität und doch stellt sich schon Stunden vor dem Start ein leichtes Kribbeln ein. Das aber ist ein eher positiver Adrenalinstoß, sozusagen die Vorfreude auf ein einmaliges Erlebnis. Bottrop von oben sieht man ja nicht alle Tage. Möglich aber auch, dass einem der Wind einen Strich durch die Rechnung macht und den Ballon nach Duisburg und über den Rhein bläst. Warum heißt das überhaupt ‚Ballonfahren’ und nicht ‚Ballonfliegen’, will ich wissen. Weil der Ballon keine Flügel hat, keinen eigenen Antrieb, er schwimmt sozusagen in der Luft, es heißt ja auch Luftfahrt oder auch Luftschifffahrt. Gut, ‚fahren’ also, auch wenn der Begriff in diesem Zusammenhang noch nicht leicht über die Lippen kommt. Später, nach der Landung, wird es einem bei Strafe verboten werden, ‚fliegen’ zu sagen. Die Ballonfahrer sind eben stolz darauf, durch die Luft fahren zu können.

Der Ballon richtet sich auf.

Auf einer Wiese im Park werden um halb sechs die Startvorbereitungen getroffen. Immer noch ist so ein Start eine kleine Sensation und wir sind von vielen Neugierigen umringt. Als die Ballonhülle aufgerollt wird, staunen wir. So groß hatten wir uns die nicht vorgestellt. Da passt ja ein ganzes Haus hinein. Der Korb wird flachgelegt, die Hülle daran befestigt, per Gebläse mit Luft beschickt und aufgebläht. Nun können die Gasbrenner in Aktion treten und Heißluft hinein treiben, so dass sie sich langsam aufrichtet. Jetzt beginnt der Ballon am Korb zu zerren. Es ist Zeit einzusteigen. Fast verpasse ich den Start, krabbel irgendwie im letzten Moment aber doch noch hinein. Wir sind insgesamt zu fünft in dem ‘Körbchen’, haben aber genug Raum, um bequem das Panorama betrachten zu können. Mit an Bord sind noch Gudi Struckmeier und Sascha Schröder aus Werne. Auch für sie ist es die erste Fahrt.

Start vom Revierpark Vonderort

Stetig und ruhig steigt der Ballon jetzt nach oben. Die Schaulustigen unten winken. Wir gewinnen an Höhe. Es gibt den ersten Blick rundum auf den Revierhorizont. Leider ist es etwas diesig, so dass die Qualität der Aufnahmen leiden wird. Aber egal. Es ist ein wunderbares Gefühl, so in die Höhe zu schweben und unter sich diese Spielzeuglandschaft mit kleinen Autos und kleinen Häusern zu sehen. Mit knapp zwanzig Stundenkilometern geht es an der Vonderorter Pyramide vorbei nach Norden. Wir werden also tatsächlich über Bottrop fahren.

 Blick auf die Pyramide von Vonderort

Es ist still oben. Nur ab und zu zischen die Brenner, jagen in Stößen Heißluft in den Ballon, der sich wie eine Riesenglocke über einen wölbt. Man schwebt in aller Ruhe und Gemütlichkeit davon und betrachtet sich die Welt von oben.

Über Bottrop

Wo sind wir eigentlich? Sich von oben zu orientieren, ist neu, ungewohnt. Wir suchen Gebäude, die uns vertraut sind. Die grünspanfarbene Turmspitze von St. Cyriakus taucht auf, westlich davon das Rathaus, das auch aus dieser Höhe imposant wirkt, noch weiter westlich, zum Horizont hin, erhebt sich die Halde der Zeche Haniel. Markante Punkte sind in einem Rundumblick auszumachen.

Links oben die Bottroper Skihalle, dahinter die Schalker Arena

Das Gasometer in Oberhausen, die Bottroper Skihalle, das Tetraeder, die Arena auf Schalke und nördlich das Kraftwerk Scholven, das sich als Kulisse am Horizont aufbaut und auf das wir langsam zuschweben. Von hier oben sieht man, dass Bottrop tatsächlich eine Stadt im Grünen ist. Die Farbe Grün, abgesehen vom Stadtzentrum, herrscht vor.

Betrachten die Welt von oben: Gudi Struckmeier und Sascha Schröder

Niedlich sieht die Welt aus. Eine Legolandschaft im Maßstab eins zu zehn. Ich stelle mir vor, dass eine Ballonfahrt auch therapeutisch sein kann. Hat man unten Krach, steigt man nach oben und sogleich sieht alles anders aus. Ballonfahren beruhigt und sorgt zugleich auch für positives Adrenalin. Wo wird man landen? Wie wird man landen? Regulieren lässt sich nur die Höhe, nicht aber die Richtung. Ob Peter Herrmann schon einmal eine Notlandung hatte, frage ich ihn. Nein, noch nicht. Ballonfahren ist sicher. Man kann also ohne jede Nervosität die Fahrt genießen.

Überqueren der A 2 - Der Ballon hat Vorfahrt.

Immer wieder das Zischen der Brenner. Dann Pausen der Stille, in denen wir ein wenig an Höhe verlieren. Majestätisch schweben wir über Bäume, ab und zu winken uns von einem Balkon Menschen zu. Wir winken als Luftreisende zurück. Im Norden nähert sich die breite Ader der A2, dahinter das Kraftwerk Scholven mit seinen hohen Kaminen. Ob wir da drüber fliegen? Der Wind treibt uns in diese Richtung.

Schloss Wittringen

Gladbeck kommt näher. Dann schweben wir am Wasserschloss Wittringen vorbei. In der Stille da oben wirkt dieses Gleiten über das Schloss wie eine Märchenszene. Eine Kirche taucht auf, dann unter uns ein Gottesacker. Scholven mit den Schornsteinen ist näher gerückt. Da müssten die Brenner noch tüchtig heizen und den Ballon höher steigen lassen.

Scholven

Aber Peter Herrmann will kein Risiko eingehen. Wir sinken, schweben in bequemer Höhe über eine Baumreihe und dann heißt es „festhalten!“. Es gibt einen Ruck, die untere Korbkante schlägt auf, schleift ein Stück über weichen Boden, der Korb kippt um. Wir sind gelandet. Weich auf einem frisch gedüngten Gladbecker Erdbeeracker.

gelandet

Das Begleitfahrzeug, mit dem unser Pilot per Funk in Verbindung stand, ist nur eine Minute später da. Jetzt beginnen die Einroll- und Verstauarbeiten. Danach erst geht’s zum gemütlichen Teil der Sekttaufe und des Erhebens in den Adelsstand. Man muß sich knien, einen Eid nachsprechen und vor allem versichern, dass man nie mehr ‚fliegen’ statt ‚fahren’ sagen wird. Angenehm ist, dass einem das Land, das man überfahren hat, nach alter Sitte gehört. Ich bin also jetzt nicht nur adlig, sondern auch reich. Auch wenn der neue Grundbesitz in der Luft liegt. Zur Zeremonie gehört ursprünglich auch, dass einem eine Locke abgeschnitten und verbrannt wird. Peter Herrmann deutet das mit einem Feuerzeug dezent an. Was soll er bei mir auch anderes machen? Die Zeit des prächtigen Haarwuchses ist vorbei. Dafür spüre ich den Sekt, der mir über den Kopf geschüttet wird, um so intensiver. Wir bekommen Urkunden überreicht mit unseren neuen Namen, die wir uns gut einzuprägen haben. Irmelin Sansen ist zur ‚Luftgräfin Irmelin von der flotten Landung auf dem frisch gedüngten Erdbeeracker zu Gladbeck’ avanciert. Bei mir steht ‚Luftgraf Rüdiger’ auf dem ehrwürdigen Dokument. Und weiter heißt es ‚unerschrockener Wolkenschieber am Abendhimmel über den Dächern zu Bottrop’.

Auf der Heimfahrt fällt mir ein, dass die Entdeckung der Ballonluftfahrt genau in die Zeit fällt, als Goethe sich intensiv mit allen naturwissenschaftlichen Phänomenen befasste. Er hatte nichts ausgelassen und gewiß doch nicht die ersten Ballonfahrten. Und richtig. In den ‚Heften zur Morphologie’ begeistert er sich für dieses Abenteuer und erweist ihm seine Referenz.

„Wer die Entdeckung der Luftballone mit erlebt hat, wird ein Zeugnis geben, welche Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil [=Anteilnahme] die Luftschiffer begleitete, welche Sehnsucht in so viel tausend Gemütern hervordrang an solchen längst vorausgesetzten, vorausgesagten, immer geglaubten und immer unglaublichen, gefahrvollen Wanderungen teilzunehmen…“

Nun, das mit der ‚gefahrvollen Wanderung’ stimmte damals. Hatten doch die Brüder Montgolfier die abenteuerlichsten Heizmaterialien genommen, weil sie zunächst glaubten, daß der Qualm den Ballon nach oben treibt. Da verbrannte man Wolle und Heu, und der Ballon selbst bestand aus Leinwand, die man mit Papier abgedichtet hatte. Daß die tollkühnen Brüder ihre Flüge überlebt haben, grenzt an ein Wunder. Heute stimmt das mit der ‘gefahrvollen Wanderung’ natürlich nicht mehr. Was aber zeitlos gültig geblieben ist, ist die Schönheit des ruhigen Luftfahrens, die Leichtigkeit, mit der man da oben durch die Welt schwebt und alles, was unten ist, aus einer anderen Perspektive betrachten darf.
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botSPOT, 16. August 2007

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