Faszination Vietnam - Sabine Engel leitete ein Workcamp in Hanoi und reiste die Küste entlang nach Saigon.

von Rüdiger Schneider
Fotos: Sabine Engel

 

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Sabine Engel mit Mai aus Saigon

Um ein unbekanntes Land zu erkunden, gibt es zwei Möglichkeiten. Man durchquert es mit dem Rucksack per Bus, Bahn, Jeep, Motorrad oder auch auf einem Drahtesel. Oder aber: Man arbeitet dort und kommt dadurch zu einem noch intensiveren Kontakt mit der Bevölkerung. Sabine Engel aus Bottrop kombinierte beides – das Reisen und das Arbeiten. Auf diese Weise lernte die 23jährige Studentin ein südostasiatisches Land kennen mit einer mehr als zweitausendjährigen Kulturgeschichte, ein Land von traumhafter Schönheit und zugleich auch ein Land, das immer noch die Spuren kolonialer Kriege trägt. Allzu lange ist es ja noch nicht her, dass der amerikanische Botschafter Graham Martin in Saigon das Sternenbanner einrollte und per Helikopter vom Dach der US-Botschaft floh. 1975 war das.

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Die Gruppe in Hanoi

Im Sommer 2007 fliegt Sabine Engel nach Hanoi, um ein Workcamp der Kolpingjugend zu leiten. Es geht um die Arbeit in einem Waisenhaus. Die deutschen Volontäre sollen mit den Kindern spielen und ihnen auch Englisch beibringen. Aber einiges läuft mit der vietnamesischen Partnerorganisation schief. Es gibt insgesamt so wenig zu tun, dass man nach zwei Wochen beschließt, das Camp abzubrechen und Vietnam auf eigene Faust zu erkunden. Dennoch aber ist die Zeit in Hanoi reich an Begegnungen mit den Einheimischen, und insbesondere mit den vietnamesischen Volontären kommt es zu einem interkulturellen Austausch. Dabei hat Sabine Engel das Glück, mit der Germanistikstudentin Mai aus Saigon eine einheimische Freundin zur Seite zu haben. Auf der nun nachfolgenden Reise die Küste entlang begleitet Mai die Gruppe, und in Saigon kann man auch bei ihr wohnen und Ecken der Stadt sehen, die man als normaler Tourist kaum zu Gesicht bekommt.

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Von Vietnam und den Menschen ist sie begeistert. Es ist die unkomplizierte Gastfreundschaft der Vietnamesen, ihre Freundlichkeit, Herzlichkeit und natürlich auch Neugierde hinsichtlich der Besucher aus dem Westen. Vietnam ist touristisch noch nicht so frequentiert wie etwa Thailand. Einen solchen Vergleich kann Sabine Engel aus Erfahrung ziehen. Denn 2005 war sie schon einmal in Vietnam. Damals war es eine längere Reise von Australien über Neuseeland, Singapur, Malaysia, Thailand vom Süden bis in den Norden nach Chiang Mai, zurück nach Bangkok und dann mit dem Bus durch Kambodscha nach Saigon.

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 Straßenszene aus Hanoi

2007 also zunächst Hanoi und das Workcamp. Hanoi gefällt ihr gut. Die zweitgrößte Stadt der Sozialistischen Republik Vietnam ist ruhiger als das kommerzorientierte Saigon oder Ho Chi Minh City, wie es offiziell heißt. Hanoi hat noch provinziellen Charme, ist im Gegensatz zur südlichen Schwester kein asiatischer Trendsetter für Kommerz. Es ist eine saubere, gepflegte Stadt mit einem See im Zentrum, mit baumbestandenen großzügigen Alleen, mit lebhaften Straßen und Plätzen. Geographisch liegt die Stadt auf der gleichen Höhe wie Havanna. Zwischen Mai und Oktober sind Höchsttemperaturen von 40 Grad keine Seltenheit. Hanoi war früher einmal das Venedig des Ostens, gewiss die schönste Stadt Asiens, bis dann die Kolonialherren Flüsse, Seen und Kanäle zuschütteten und Kaiserpaläste und Zitadelle abrissen. Dass Hanoi überhaupt noch existiert, wird den weltweiten Protesten gegen den Vietnamkrieg zu verdanken sein. Allein Weihnachten 1972 fielen über 40.000 Tonnen Sprengstoff auf die Stadt. Erst als die US-Präsidenten Johnson und Nixon Angst vor ihren eigenen Wählern bekamen und den Widerstand des Vietkong nicht brechen konnten, wurden die Bombardements eingestellt.

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Mausoleum Ho Chi Minh’s

Ohne auf die Spuren dieser Zeit zu stoßen, ist ein Vietnambesuch kaum möglich. Auch Sabine Engel besucht das Kriegsmuseum in Saigon und auch die Tunnel des Vietkong. In Hanoi besucht sie auch das Mausoleum Ho Chi Minhs, wo immer noch Tag für Tag Besucherschlangen am gläsernen Sarg des aufgebahrten ‚Vaters des vietnamesischen Sozialismus’ vorüber defilieren. Die Kamera muss vorher abgegeben werden. Aufnahmen sind nicht möglich. Nicht weit vom Mausoleum ist ‚Onkel Hos’ Haus, ein schlichtes Holzgebäude, in dem Ho Chi Minh, statt einen ihm zustehenden Palast zu beziehen, von 1958 bis zu seinem Tode 1969 spartanisch lebte, meditierte, Gedichte schrieb, den Kampf gegen den amerikanischen Kolonialismus organisierte. Die Vietnamesen lieben ihn. Er ist einer der seltenen Staatsführer - Politiker, Dichter und Philosoph in Personalunion -, die sich nicht durch Macht und Luxus korrumpieren ließen. 

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Eingangstor Literaturtempel

Altehrwürdig ist der Literaturtempel in Hanoi, den die Gruppe besucht. Hier wurden bis weit in das 18. Jahrhundert hinein Examina im Zeichen des Konfuzius abgelegt. Die Prüfungen betrafen die Fächer Literatur, Ethik, Politik, das Abfassen poetischer, aber auch administrativer Texte. Von dreitausend Kandidaten kamen selten mehr als acht durch die in dreijährigem Abstand abgehaltenen Prüfungen. Aber auch die Durchgefallenen kehrten hochgeachtet als Privatlehrer und öffentliche Schreiber in ihre Dörfer zurück. So bedeutend war der Ruf des Literaturtempels. Es reichte allein schon die Näherung und der Versuch, hier zu bestehen. In einem der Höfe des Tempels befindet sich ein Pavillon, der dem Schutzgeist der Dichtung geweiht ist. Lange Zeit war hier ein berühmter Ort für Lesungen und literarische Debatten. Nicht weit von diesem Pavillon entfernt befindet sich der Thien Quang Tinh, der Brunnen des Himmlischen Lichts. Die Stelen an seinen Seiten ruhen auf Schildkröten, den Sinnbildern für Weisheit und Dauer.

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Holzfiguren des Wasserpuppentheaters

Eine originelle Variante eines Figurentheaters lernt Sabine Engel am Hoan-Kiem-See in Hanoi kennen. Es ist das Roi Nuoc, das Wasserpuppentheater. Hinter einer Bambuswand verborgen stehen die Spieler hüfttief im Wasser und und lassen die Holzfiguren an der Oberfläche des Sees agieren. Legenden oder historische Begebenheiten werden aufgeführt.

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Küste bei Halong

Von Hanoi aus fährt die Gruppe mit dem Bus die Küste entlang dem 1600 Kilometer südlich gelegenen Saigon entgegen. Die Fahrt dorthin kostet nur 15 Euro und kann beliebig unterbrochen werden. Reizvolle Stationen gibt es genug. Da ist die traumhafte Halong Bucht mit ihrer Drachenlegende. Ha Long heißt ‚Herabsteigender Drache’. Dereinst schickte der Legende nach den wieder einmal von Feinden bedrängten Vietnamesen der Himmel einen Drachen zur Hilfe. Der vertrieb die Angreifer mit den Hieben seines Schweifes, hinterließ Kerben und Klüfte im Land, die sich, als der Leib des Drachen im Meer versank, mit Wasser füllten. Spuren davon sind tausende von verkarsteten Felsnadeln und Kalksteininseln vor der Küste.

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Halong-Bay

Bekannt ist diese Landschaft aus zahlreichen Filmen Hollywoods über den Vietnamkrieg, wenngleich man nicht hier drehte, sondern im thailändischen Phang Nga, das über eine ähnlich bizarre Naturkulisse verfügt. Dschunken mit roten Segeln kreuzen immer noch die Bucht.

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Tor zur ‘Verbotenen Stadt’

Weiter geht es nach Hue, das von 1802 ab als Kaiserstadt aufgebaut wurde, wobei man die Paläste, Tempel, Theater und Pagoden Pekings kopierte. Auch hier gibt es eine ‚Verbotene Stadt’, also den privaten Bereich des Herrschers und seiner Familie und seiner – so war es noch bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts – 300 Konkubinen. Von den Gebäuden ist fast nichts mehr erhalten, einige aber sind mit Hilfe der UNESCO renoviert oder nach alten Plänen neu errichtet worden.

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Ruinen von My Son

In der Umgebung von Hoi An, das in Küstennähe an einem Fluss liegt, besuchen sie die Ruinen der Tempelstadt My Son. Die heilige Stadt My Son liegt in einer Talsenke, umgeben von Hügeln und Bergen. Nach Westen hin ist es die annamitische Kordillere, die den schmalen vietnamesischen Landstreifen begrenzt. Von den über siebzig Bauwerken aus den verschiedenen Epochen hinduistischer Königreiche, die es hier früher gab, sind nur noch die Überreste von zwanzig erhalten. Sie haben die Bombenteppiche der Amerikaner überstanden, die 1968 diese heute zum Weltkulturerbe ernannte Tempelstadt zur ‚free fire zone’ erklärt hatten.

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Strand - hier bei Hoi An

Traumhaft schön sind die Strände in der Bucht von Nha Trang. Türkisblaues Wasser, endloser Sand, vorgelagerte Inseln, ein romantisch-idyllischer Fischerhafen. Das Klima ist mild. Baden kann man das ganze Jahr über. Die Stadt Nha Trang ist ruhig, freundlich, liegt an der Mündung des Song Cai-Flusses. Restaurants, Cafés, Bambusbungalows am Meer machen den Aufenthalt hier besonders angenehm.

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Strandbungalows bei Mui Ne

Nach Saigon sind es jetzt noch etwa 450 Kilometer, dann ist die Gruppe in der größten Stadt Vietams, in einer quirligen Metropole mit über vier Millionen Einwohnern. Die Straßenüberquerung wird zu einem Abenteuer. Dichtgedrängt schieben sich Mopeds und Motorräder durch die Stadt. Banken, Hotels, Restaurants, Cafés, Geschäfte, Diskotheken, Souvenirshops sind aus dem Boden geschossen. Saigon nähert sich wieder dem früheren Amüsierfieber. Zahlreiche Pagoden und Tempel, Märkte, Flaniermeilen, ein Netz von Boulevards und Avenuen und die Bauten der Kolonialzeit lassen die Stadt aber immer noch als eine der Perlen des Orients erleben.

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Straßenszene in Saigon

Die Gruppe kann bei Mai, der Leiterin der vietnamesischen Freiwilligen, wohnen. So lernen sie wieder authentisches vietnamesisches Leben kennen und bekommen vor allem auch Ecken von Saigon gezeigt, die man so leicht nicht zu sehen bekommt. Etwa den Schwarzmarkt im Dreieck zwischen Nguyen Hue, Ham Nghi und Cho Ben Tham. Oder den lebendigen Fischmarkt am Ende der Marktstraße Nguyen Thai Hoc. Nicht unbedingt geläufig ist auch das Drachenhaus Nha Rong am Saigon Fluss. Hier heuerte 1911 Ho Chi Minh als Küchenjunge auf einem französischen Passagierdampfer an, um erst nach dreißigjährigem Exil nach Vietnam zurückzukehren.

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Reich an Eindrücken und Erfahrungen kehrt Sabine Engel nach sechs Wochen zurück. Es wird nicht ihr letzter Vietnambesuch gewesen sein. Im Sommer 2008 wird sie ein Camp in Kenia leiten. Wer Interesse daran hat, kann sich bei ihr unter folgender Emailadresse melden:
engelsabine@gmx.de

Weitere Fotos 'Vietnamesische Portraits' >>>

botSPOT, 18. Januar 2008

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