Besuch in Bogotá
Der Bottroper Arzt Rainer Lukaschek war mit einer Menschenrechts-Delegation in Kolumbien

 

Foto: Rainer Lukaschek

Vorbemerkung:

Vor kurzem gab es in der Bottroper Martinskirche die Ausstellung ‚El rostro de la Resistencia’ mit Fotos von Oscar Paciencia. Die Fotos sollten die Aufmerksamkeit auf Kolumbien und die Probleme des Landes lenken. Amerikanische und europäische Konzerne benutzen das Land zu ihrer Profitmaximierung, unterstützen dabei ein autoritäres Regime und seine paramilitärischen Organisationen.

Foto: Oscar Paciencia

Morde und Massenverhaftungen sind an der Tagesordnung. Soziale Bewegungen und politische Opposition werden bedroht und behindert. Die Armut der Menschen nimmt zu, während auf der anderen Seite der Gewinn der Konzerne steigt. In Kolumbien zeigt die Globalisierung ihre hässlichste Fratze.

Foto: Oscar Paciencia

Die Ausstellung in der Martinskirche ging zurück auf eine Initiative des Bottroper Arztes Rainer Lukaschek, der dem Bottroper Arbeitskreis Lateinamerika angehört. Rolf Prange, Pfarrer der Martinskirche, widmete sich dem Thema im Zusammenhang mit der Frage „Was hat Kirche mit Globalisierung und ihren Auswirkungen zu tun?“

Aufmerksam gemacht sei auch auf die Filme, die das Filmforum der VHS in Kooperation mit dem Arbeitskreis Lateinamerika präsentiert. (siehe unter ‚Filmforum'’)

Rainer Lukaschek war vom 27.2. – 13.3. 2005 mit einer Menschenrechts-Delegation in Kolumbien. Aus dem umfangreichen Kolumbienbericht der Delegation ‚Solidarität und Frieden’ veröffentlichen wir hier einen Auszug, und zwar den Besuch im Armenviertel Bogotás, Ciudad Bolivar, in dem zwei Millionen der ungefähr 8 Millionen Einwohner leben. Hauptsächlich hier lassen sich die Flüchtlinge aus den kolumbischen Kriegsgebieten nieder.


Im Armenviertel Bogotás – Ciudad Bolívar

 

Foto: Rainer Lukaschek

Am Tag nach unserer Ankunft fahren wir mit dem Bus nach Ciudad Bolívar. Vom Stadtzentrum aus ist nicht zu erkennen, welche enormen Ausmaße dieser Stadtteil hat. Wir können sie erst erahnen, als wir von den Berghängen auf die besiedelten Täler herunterblicken. Wir sind gekommen, um Projekte der »Organización Femenina Popular« (OFP) zu besuchen, sog. comedores populares (Volksküchen). Die Frauenorganisation wurde vor 32 Jahren in der Region des Magdalena Medio gegründet und ist dort durch paramilitärische Gewalt erheblich in ihrer Arbeit behindert. Auch als Antwort auf diese Angriffe hat sie in den letzten Jahren landesweit soziale Projekte initiiert.

So auch in Ciudad Bolívar, wo sie sieben solcher »comedores« eingerichtet hat. Eine Vertreterin der OFP begleitet uns und gibt an, dass sich landesweit etwa 3.500 Frauen an ihrer Arbeit aktiv beteiligen. Ca. 120.000 Menschen werden direkt oder indirekt durch die Arbeit der OFP erreicht, die sich u.a. der Gesundheit, Erziehung, Rechtsberatung und Förderung der Nahrungsmittelsouveränität widmet. Die OFP arbeitet vorrangig in Armenvierteln, wo viele der ca. zwei Millionen »desplazados« (Vertriebene) des Konflikts leben. Aufgrund ihrer Herkunft aus Kriegsgebieten werden sie oftmals pauschal als Sympathisanten der Guerillas stigmatisiert, was ihre Verfolgung durch Paramilitärs nach sich zieht. In den »comedores« wird günstig Essen angeboten. Für die kochenden Frauen werden Verdienstmöglichkeiten geschaffen, da sie eine Aufwandsentschädigung erhalten. Indem die Frauenorganisation in den Armenvierteln Workshops etwa zu Ernährungs- oder Gesundheitsfragen organisiert, erreicht die OFP Frauen, die sich in diesem Rahmen weiterqualifizieren oder (selbst-)organisieren können. Daneben engagiert sich die OFP in der Initiative »Frauen gegen den Krieg« und wendet sich gegen die Repression in den »barrios« (Stadtvierteln). Bei einem ausgedehnten Rundgang durch das Viertel erfahren wir, dass in den letzten Wochen etwa 20 junge Männer – angebliche Kleinkriminelle oder Drogenabhängige – von Paramilitärs erschossen wurden. Die Morde geschehen in Sichtweite einer großen, auf einem Hügel liegenden Militäreinrichtung. Nach den Erfahrungen der OFP deuten solche Morde den Beginn einer paramilitärischen Machtübernahme eines Viertels an, mit dem Ziel, die Kontrolle zu erlangen und unliebsame soziale und politische Initiativen auszuschalten. Auf dem Rundgang unterhalten wir uns mit einer Bewohnerin, die zusammen mit anderen
Vertriebenen erst vor fünf Jahren in das Viertel kam. Sie erzählt, wie sie zunächst ein Stück Land besetzt hätten, um dort Hütten zu bauen. Jedoch seien sie fünfmal von der Polizei geräumt und ihre Hütten zweimal niedergebrannt worden. Erst nachdem der formale Besitzer des Geländes mit umgerechnet 500 Euro abgefunden wurde, hätten sie feste kleine Häuser bauen und Strom von einem angrenzenden Viertel legen können – auf einen Wasseranschluss warten sie noch immer.

An ihrem Beispiel wird deutlich, dass die kommunalen Behörden wenig bis gar nicht tätig werden. Im Gegenteil sind die Vertriebenen nach ihrer Ankunft aus den ländlichen Kriegsgebieten polizeilicher Repression ausgesetzt und, um ihre Existenz zu sichern, auf ihre Eigeninitiative sowie den Zusammenhalt im Viertel angewiesen. Der derzeitige Bürgermeister von Bogotá, Luiz Eduardo Garzón, Mitglied des linksgerichteten Polo Democrático Independiente und ehemaliger Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes CUT, hat das Ernährungsprogramm »Bogotá sin hambre« (Bogotá ohne Hunger) initiiert. Das Konzept sieht die Förderung von Nachbarschaftsinitiativen und der regionalen Nahrungsmittelproduktion vor. Auf unsere Nachfragen wird Kritik laut. Es würden viele Basisinitiativen übergangen und sich zu sehr auf bestehende staatliche Volksküchen beschränkt. Damit würde eine eigenständige Organisierung und Mobilisierung der BewohnerInnen behindert. Außerdem seien tonnenweise Spenden von transnationalen Supermarktketten wie Carrefour oder Carulla verteilt worden, was dem deklarierten Ziel widerspreche, den lokalen Anbau zu stärken.

Am Ende des Rundgangs kommen wir an einem Billardsalon gegenüber eines »comedor« der OFP vorbei. Die Männer dort, sagt unsere Begleiterin, seien Informanten der Paramilitärs. Es wäre aber gut, dass sie die Anwesenheit von Europäern bemerkten, denn das halte sie von Anschlägen gegen ihr Projekt ab.

Quelle: Delegation 'Solidarität und Frieden', Bericht zu Kolumbien, Bogotá + Arauca 27.2. -13.3.2005, Kolumbienkampagne Berlin, c/o FDCL, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

Links zum Thema:

http://fdcl-berlin.de/index.php?id=1376&L=0&0= (Broschüre, die u.a. die Aktivitäten internationaler Bergbau- und Ölkonzerne darlegt)

http://www.labournet.de/internationales/co/cocacola/wm06.html (betrifft den Konzern 'Coca Cola')

http://www.multiwatch.ch (beobachtet u.a. den Multi Nestlé)

botSPOT, 24. April 2008

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