Ibarrolas Stelen
Nicht nur Form und Farbe, auch Klang

von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

2002, im Rahmen der RuhrTriennale, gestaltete der spanische Künstler Agustín Ibarrola hundertfünf Bahnschwellen aus spanischem Eichenholz und ließ sie oberhalb des Amphitheaters auf der Halde Haniel aufstellen. Nach einer Phase der Verwahrlosung nahm sich im Sommer 2007 Ibarrolas Meisterschüler Guido Hofmann der farbenfrohen
Skulpturen an, restaurierte sie zusammen mit seinem Freund und Assistenten ‚Otti’ und ließ sich dabei, was auch die neue Aufstellung der Stelen betrifft, von den künstlerischen Prinzipien Ibarrolas, mit dem er während dieser Zeit in telefonischem Kontakt stand, leiten. Damit hatte Bottrop wieder ein präsentables Kunstwerk von höchstem Rang.

Guido Hofmann (links) mit Agustín Ibarrola
Foto: Privatbesitz Guido Hofmann

Das europaweit wohl bekannteste Werk Ibarrolas ist der ‘Bosque pintado’, über fünfhundert bemalte Baumstäume inmitten eines Waldes nordöstlich von Bilbao. Als ‘beseelter Wald’ wird er auch bezeichnet und entspricht damit dem Anliegen des spanischen Künstlers, man möge mit den Stämmen reden. Diesen Wunsch hatte er auch für die Totems auf der Halde Haniel geäußert. Bekanntgegeben hatte der spanische Meister auch, dass er diese Totems als archaische Kraft des Ursprünglichen verstanden wissen wollte.

Zur archaischen Kraft des Ursprünglichen gehört insbesondere der Klang. Nahezu alle Kulturen der Welt wissen davon. Für die Inder ist der Urton ‚Nada’ der Anfang aller Dinge, im tibetischen Kulturkreis ist der immerwährende Ton OM das Symbol der Urschwingung des Daseins, in einem polynesischen Schöpfungsmythos ‚ersingt’ Gott die Welt. Dass überall im uns bekannten Universum die formgebenden Kräfte des Klangs wirken, ist längst kein Geheimwissen mehr. Die modernen Naturwissenschaften haben es bis in den subatomaren Bereich hinein bewiesen. Diese formgebenden Kräfte wirken durch die Natur- bzw. Obertonreihe, also durch Grundschwingungen und ganzzahlige Vielfache, die wir als harmonisch empfinden.

Werner Worschech bei der Frequenzüberprüfung

Für den Bottroper Werner Worschech, der seit Jahrzehnten die Welt des Klangs erforscht und die Erkenntnisse auch auf Therapie, Kunst und Sprache anwendet, lag es nahe, die Ibarrola-Stelen auf ihre klanglichen Qualitäten hin zu untersuchen. Hatte der spanische Meister hintersinnig nicht nur Form und Farbe eingesetzt, sondern eventuell auch den Klang? War der für Ibarrola so typische Hinweis, man möge mit dem Kunstwerk reden, ein versteckter Fingerzeig? Und – wenn die Stelen tatsächlich harmonisch
klangliche Qualitäten haben sollten – war das von dem Spanier so beabsichtigt? Zunächst aber musste herausgefunden werden: Was passiert, wenn man die Säulen zum Klingen bringt, also nicht nur zu ihnen redet, sondern sie auch reden lässt. Welche Antwort geben sie?


Am Freitagnachmittag, den 2. Mai 2008, begibt sich Werner Worschech mit einem digitalen Stimmgerät auf die Halde Haniel. botSPOT darf ihn bei dieser Unternehmung begleiten. Es ist der Aufstieg in eine tatsächlich archaisch anmutende Welt. Ein grandioses Panorama, ein Amphitheater, die farbenfrohe Reihe der Totems, das ungehemmte Singen des Windes. Nur das dissonante Rauschen der fernen Autobahn stört.

Worschech untersucht die erste Dreiergruppe, mit der die Reihe der Stelen beginnt. Er klopft an die Säulen, liest die Frequenzen ab. Die Klänge sind auch zu hören. Jede Säule klingt anders. Aber untereinander stehen sie im Frequenzverhältnis des ganzzahligen Vielfachen, werden in ihrer Klangfolge als harmonisch empfunden. Dieser Befund bestätigt sich in der gesamten Reihe der Skulpturen.

Bei manchen Stelen sind Schraubenreihen ins Holz gezogen. Sie folgen einer optischen, konkaven Form, sitzen teils sehr fest im Holz. Der Klang entfaltet sich an diesen Stellen zwar nicht voll, lässt sich aber erahnen. Insgesamt ergibt die optische Harmonie annähernd auch eine klangliche.

Ob Agustín Ibarrola diese Frequenzverhältnisse wissentlich so angelegt und ausgearbeitet hat, sei zunächst noch mit einem Fragezeichen versehen. Nur der spanische Meister selbst wird beantworten können, ob bei ihm eine Absicht auch zur klanglichen Kunst vorlag. Waren die harmonischen Frequenzverhältnisse nicht beabsichtigt, dann sind sie im Resultat aber so geschehen und er wäre einer ihm unbewussten Inspiration gefolgt.

Offen wäre noch die Frage, inwieweit denn auch die Farbe, welche ja eine aus dem Hörbereich oktavierte Schwingung in den sichtbaren Bereich (oder umgekehrt in den Klang) ist, in Kongruenz mit den Klängen steht. Hierzu müssten bei ruhigeren Bedingungen genaue Frequenzmessungen und entsprechende Umrechnungen erfolgen und die Ergebnisse mit den von Ibarrola verwendeten Farben verglichen werden.

Auf jeden Fall aber hat Bottrop ein Kunstwerk, das nicht nur in außergewöhnlicher Umgebung steht, sondern über Form und Farbe hinaus auch ein künstlerisches Klangobjekt ist.

botSPOT, 5. Mai 2008

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