‚Der Pfirsich des Paradieses’
Über eine ‚Epoche’ Bottroper literarischen Lebens

von Rüdiger Schneider

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Josef ‘Biby’ Wintjes (rechts), Anfang der 70er Jahre
Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Anne Wieczorek

Eine Dame betritt mit einem Glas Sherry eine Buchhandlung. So beginnt eine der Geschichten - ‘Pfirsich des Paradieses’ heißt sie -, die der Bottroper Josef Wintjes in der 1986 von ihm herausgegebenen gleichnamigen Anthologie versammelt hat. Das Buch hat als weiteren Titel auch ‚Verführungen’. Das bezieht sich auf ein gleichnamiges Gedicht dieses Bandes. ‚Noch immer leben wir wilden Kinder’ lautet darin eine Zeile.

Die erwähnte Geschichte mit dem Sherryglas stammt von Helmut Loeven. Das Gedicht ‚Verführungen’ ist von Hanns Schaub. In der Anthologie sind Autorinnen/Autoren vertreten, die es in der nachfolgenden Zeit zu einiger Berühmtheit gebracht haben. Beispiele hierfür sind etwa André Heller und Imre Török.

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Josef Wintjes, im LIZ, Anfang der 80er Jahre
Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Anne Wieczorek

Auch Peter-Paul Zahl hat wie viele andere bei Wintjes eine erste Plattform gefunden. Zahl ist es, der anlässlich einer Leipziger Lesung - 2002 war es, er liest aus seinem Roman ‚Der Domraub’ - Wintjes im Gespräch erwähnt. Die von ihm herausgegebene Zeitschrift mit dem provozierenden Titel ‚Ulcus Molle’ ist mir zwar ein Begriff, aber dass Wintjes Bottroper war, ist mir damals entgangen.

Die Erinnerung wird dann Ende 2007 wieder geweckt durch eine DVD (‚Bottrop – Die Zukunft hat Vergangenheit’). Darin wird Wintjes, bekannt auch als ‚Biby’ Wintjes, erwähnt. Und so liegen einige der Hefte von damals wieder vor mir auf dem Tisch. In Bottrop produzierte Literatur.

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Cover UM, Heft 7-9, 1987
(Jahrgänge 84 bis 7-9/90 Privatbesitz R.S.)

Der Anlass, nun darüber zu schreiben, hat verschiedene Aspekte. Zum einen, in der näheren Befassung mit dem verlegerischen Werk, wird mir bewusst, welch gigantische Arbeit Wintjes damals geleistet hatte. Zum anderen ist es eine Erinnerung an die Turbulenz und Lebendigkeit von Literatur – damals und überhaupt. Zum Dritten sieht man sich unversehens mit der Frage konfrontiert: Was macht, was will Literatur eigentlich?

Doch eins nach dem anderen.

Im Herbst 1969 erschienen die ersten Ulcus Molle-Hefte. Sie bringen Gedichte, Essays, Buchrezensionen, kritische Kommentare, eine Fülle an literarischen Informationen. Wintjes gründet das ‚Literarische Informationszentrum’ mit Sitz in der Böckenhoffstraße 7 und wird zu einer Koordinations- und Anlaufstelle für eine landesweite linke alternative Literaturszene. Alternativ heißt unter anderem: Auch Klein-, Kleinst- und Eigenverlage können gute, spannende, aufklärerische, gesellschaftskritische, sinnliche (auch darauf legte Wintjes Wert) Literatur bringen. Es dürfen nicht nur die großen Verlage und Konzerne sein, die bestimmen, was gut und lesenswert ist. In ihnen sieht Wintjes eher die Gefahr einer breit angelegten Manipulation. Auf der Mainzer Mini-Pressen-Messe, die alle zwei Jahre stattfindet, wird er zum Dreh- und Angelpunkt der Szene, zur Anlauf- und Koordinationsstelle für Autoren, die den Forderungen des kapitalistischen Buchmarktes nicht entsprechen wollen und vor allem auch nicht angepassten bürgerlichen Lebensformen.

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Filmteam im Literaturbüro von Josef Wintjes (1984). Entstanden bei den Dreharbeiten
zum Bottrop/Palermo-Streifen „Die letzte Einstellung“ von Udo Schucker. JW ist
hier nicht mit auf dem Foto, hat aber organisatorisch an dem Projekt mitgewirkt.

Foto: Udo Schucker

Das zweimonatlich erscheinende Heft ‚Ulcus Molle’ bringt es in seinen Spitzenzeiten auf eine Auflage von 2000 Exemplaren bei 1700 Abonnenten. Darüber hinaus betreibt Wintjes auch einen Vertrieb für alternative Bücher und Zeitschriften. Ende 1987 wird UM von der Zeitschrift ‚Impressum’ abgelöst, die Wintjes bis zu seinem Tod am 24. September 1995 herausgibt. Diese Zeitschrift widmet sich der Förderung von Nachwuchsautoren und bringt ebenso wie UM eine Fülle an Informationen für die alternative literarische Szene.

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In ‘Ulcus Molle’ 7-9/90 kündet Wintjes mit Datum vom 30.11.90
das Ende der Zeitschrift an, zugleich mit neuen Perspektiven für das
Lit. Info-Zentrum in Bottrop. Auszüge aus dem Text von J.W. >>>

Wintjes war ein Idealist in Sachen Literatur. Bis in den Ruin hinein betreibt er die Herausgabe der Hefte und das ‚Literarische Informationszentrum’. Um sich der Aufgabe ganz widmen zu können, hatte er 1974 seinen Job als Nixdorf-EDV-Programmierer bei Krupp (‚Kanonen-Krupp’ wie er sagt) gekündigt und sich ganz der literarischen Aufgabe verschrieben. In einem offenen Brief von 1984 nennt er sein Unternehmen einen ‚Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden’. Mit dem Bottroper Info-Zentrum eine reelle Existenzgrundlage aufbauen zu können, erweist sich als zunehmend riskant, schwierig, undurchführbar. In den nachfolgenden Jahren geht die Ehe zu Bruch. Die finanzielle Situation wird immer desolater. Der Gerichtsvollzieher findet nichts mehr zum Pfänden. Solidaritätsaufrufe liegen den Heften bei. Die Herbstnummer 1995 von ‚Impressum’ bringt schließlich die Nachricht ‚die letzten Reserven aufgebraucht’. Wintjes hatte sich bis zum Exzess hin für sein literarisches Anliegen aufgerieben. Sein umfangreicher Nachlass wird nun im Archiv für Alternativkultur an der Humboldt-Universität in Berlin aufbewahrt.

An Wintjes zu erinnern, hat gewiss auch nostalgische Aspekte. Etwa in dem Sinne: Was war das für eine lebendige, turbulente und fruchtbare Zeit, als zahlreiche literarische Zeitschriften im Kleinst- und Eigenverlag aufblühten! Als die Literatur noch nicht zum nur kommerziellen Zweck verkommen war, als man noch Sinn und Aufgabe in den Texten sah und man sich freute, wenn es gelang, den Philister zu provozieren. Heutzutage, scheint es, ist da auf dem Gebiet des literarischen Zeitschriftenwesens eher beschauliche Ruhe eingekehrt. Sicher, es mag noch einiges geben, das nett und klug ist. Aber brisant ist nichts mehr. Eine Ausnahmeerscheinung wie Wintjes fehlt, vielleicht ist der Literatur auch überhaupt die Reibungsfläche abhanden gekommen.

So führt einen die Beschäftigung mit der Ära Wintjes rasch zu der Frage: Was will Literatur überhaupt? Unterhaltung. Auf jeden Fall. Darauf legte auch Wintjes, wie er mit seiner Anthologie beweist, Wert. Darüber hinaus hat sie überraschend und aufklärerisch zu sein. Sie muss nicht mit dem großen Literaturbetrieb konform gehen. Auch das zeigt sich in den Gedichten und Erzählungen von ‚Verführungen’.

Es ist schwer, ein Leitmotiv für Literatur zu finden. Was Wintjes wollte, lässt sich womöglich am besten mit einem Zitat von Nicolas Born ausdrücken:

„Das Wahnsystem Realität muss um seinen Alleinvertretungsanspruch gebracht werden. Jeder ist eine gefährliche Utopie, wenn er seine Wünsche, Sehnsüchte und auch Schmerzen wieder entdeckt unter dem eingepaukten Wirklichkeitskatalog.“

 

botSPOT, 14. Januar 2008

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