Raum und Musik – KlangTurmMalakoff


von Rüdiger Schneider (Text/Fotos)

 

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Bottroper Kammerorchester mit Kai Röhrig

Vertraut und selbstverständlich wie die Zeit erscheint uns auch der Raum. Er ist zunächst eine objektive Gegebenheit. Die Dinge jedoch, die wir dort sehen, und auch ihre Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart machen ihn zu einem gestimmten Raum. Musik kann in diese Wahrnehmung eingreifen, kann sie verändern. Sie kann sie intensiver gestalten, sie vermag uns in einen Dialog mit dem Raum zu führen. Ein besonderes Beispiel hierfür ist das Teatro Greco in Taormina auf Sizilien. Es ist Erzähl- und Spielort uralter Mythen. Eine würdige Bühne für Musik. Die Szene sei kurz skizziert: großes, offenes Amphitheater oben auf dem Monte Tauro, links das Ionische Meer, vor einem der schneebedeckte Gipfel des Ätna. Abends, bei der Aufführung, sieht man diese Landschaft in der Dunkelheit zwar nicht, weiß sie aber, besitzt sie als inneres Bild und hat nun die Sterne über sich. Die Musik beginnt und schwingt ein in den Kosmos.

Nun ein Konzert im Malakoff-Turm. Enge statt Weite, statt der Sterne ein eingezogenes Strebengerüst, massives Gestänge konstruiert für wuchtige Seilscheiben. Ein starker Ort, ein eindrucksvoller Ort. Mit Lebens- und Arbeitsspuren vergangener Tage. Geschaffen für die Fahrt in die Tiefe, in das Dunkel der Erde. Assoziativ auch verbunden mit Tönen, die dem Geist der Musik zuwiderlaufen. Wie könnte eine Violine es wagen sich hier zu erheben?

Oder aber: Ist nicht gerade solch ein Ort eine Herausforderung? Ihn nämlich zu verwandeln von einem technischen in einen tonalen Raum, die Kulisse zu benutzen für einen der Musik selbst innewohnenden Zauber. So wie Licht erst dort bemerkbar wird, wo Dunkel ist. Das Turminnere als Bühne, als Kontrast, als Herausforderung, eine eher beklemmende Atmosphäre aufzuheben, sie verschwinden zu lassen, sie zu ersetzen durch die Aura der Musik, so dass Mauerwerk und Stahl transparent werden. Man nimmt die Musik wahr, nicht mehr den Raum, so sehr und so massiv er einen auch umgibt.

 

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Theodor Burkali (mit Klarinette)

Kann Musik eine derartige Dominanz des Visuellen unterlaufen? Sie kann. Dem Bottroper Kammerorchester mit Kai Röhrig als Dirigent ist das gelungen. Sowohl mit Edvard Griegs Suitensätzen ‚Aus Holbergs Zeit’ wie auch mit den Elegischen Melodien von Grieg. Bei Kanchalis ‚Night Prayers’ gibt der Turm eine Kulisse, die nicht mehr nur statisches Bühnenbild ist, sondern lebt, miterlebt, mitklagt, sich mitfreut, von der Musik selbst berührt wird. Und dann insbesondere bei der Uraufführung von Theodor Burkalis ‚Hymnus Pro Lumen’: Man könnte meinen, dieses Stück sei geradezu für den Turm konzipiert. Ohne Miniaturen, Ornamentik oder Kleingewirktes entfalten sich sinnliche wie zugleich spirituelle Klänge, verändern die Temperatur des Raumes, verwandeln die profane Vierung in einen sakralen Bau.

Die Musik schafft es, dieses massive Bauwerk, das zugleich auch janusköpfiges Symbol für Brot und Sklaverei ist, spielerisch zu überwältigen, zu überfluten, ja, sogar es mit einzubeziehen, es für Spiel und Botschaft zu nutzen. Kein kleines Kunststück - verwirklicht unter anderem mit einem Konzept, das Klassisches mit Modernem geschickt verwebt, in ausgewogener Balance experimentiert. Auf diese Weise ist der Malakoffturm zu einem Ort des Dialoges zwischen Kultur und Industrie geworden, setzt als Klangturm Zeichen, und man kann nur hoffen und so müsste es letztendlich auch sein, dass er 2010 als eine besondere Kulturmarke mit dazu gehört.

 

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Musik verwandelt Räume, verändert ihre Wahrnehmung. Im Teatro Greco in Taormina schwingt sie in den Raum ein, variiert und verstärkt Qualitäten, die er sowieso schon hat. Natur und Kultur sind keine Gegensätze. Im Malakoffturm dagegen hat die Musik sich zu behaupten, die Präsenz des Sperrigen zu überwinden, zu überfluten und sogar kontrapunktisch in ihr Spiel mit einzubeziehen. Man kann nicht mit dem Turm harmonieren, in seine Musik einschwingen. Aber als Kulisse ist er eine Herausforderung, an der sich einmal mehr die Macht der Musik beweisen kann.

botSPOT, 30. November 2007

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